13.11.2017

Reformation und Gefühle

„Gefühle“ ist vielleicht nicht das erste, woran Sie denken, wenn Sie das Stichwort „Reformation“ hören. Es sind wahrscheinlich eher Geschichten wie die vom Thesenanschlag in Wittenberg oder Themen wie die Frage nach den Ablässen oder der Freiheit eines Christenmenschen, die einem in den Sinn kommen.

Und doch ist nicht zu unterschätzen, wie sehr die Reformation das Gefühlsleben der Menschen verändert hat. Not und Tod waren ja ohnehin viel greifbarer und dauerhaft präsent – anders als heute. Das bedeutete aber auch: Menschen lebten ganz anders in steter Angst vor dem Tod – sei es vor dem eigenen, sei es vor dem Tod von Angehörigen. Das Leben war nicht abgesichert. Jederzeit konnte Schlimmes passieren. Dazu passte die Furcht vor dem strafenden Gott und vor der Zeit, die auch ein gläubiger Mensch würde im Fegefeuer zubringen müssen, um die letzten Sündenstrafen getilgt zu bekommen.

Wie sehr all dies auch einen Menschen wie Martin Luther umgetrieben hat, lässt sich an seinem durchaus auch autobiografisch zu verstehenden Lied „Nun freut euch, lieben Christen gmein“ (ELKG 239) ablesen. Die Angst, die einem Menschen, den Boden unter den Füßen wegzuziehen vermag, beschreibt Luther so: „die Angst mich zu verzweifeln trieb, / dass nichts denn Sterben bei mir blieb“ (ELKG 239,3).

Ich schätze an der lutherischen Theologie, dass sie diese Seiten menschlichen Lebens nicht einfach ausblendet und so tut, als ob ein Christenmensch immer auf der Sonnenseite des Lebens stehen würde. Es gibt ja eben doch bei uns allen Zeiten, in denen uns die Angst packt, wenn vielleicht auch nicht die Angst vor Gott, so doch die Angst vor eigenem Versagen, vor dem Tod oder vor ausweglosen Situationen.

Reformatorische Theologie stempelt solche Menschen nicht einfach als „ungläubig“ oder „kleingläubig“ ab, sondern weiß davon zu reden, dass gerade der Christ in den Widrigkeiten des Lebens, die wir mit Luther als Teufel, Welt und Fleisch durchaus auch als geistliche Gegner verstehen können, von Christus erlöst und von Gott gehalten ist.

Man spürt der lutherischen Theologie, finde ich, etwas davon ab, dass Luther selbst die finsteren Täler menschlichen Lebens kannte, dass auch er Angst hatte und längst nicht immer mit Gott im Reinen war. Vielleicht konnte er gerade deswegen eine Theologie entwickeln und seelsorglichen Rat geben, der für Menschen sowohl damals wie heute hilfreich war und ist.

Denn auch Luthers Anliegen war es ja nicht, dass die Menschen sich in ihrer Angst und Niedergeschlagenheit einrichten. Sondern er hat zum Kampf gegen all diese dunklen Gefühlswelten aufgerufen. Und mit Gottes Wort, dem Gebet, dem Glaubensbekenntnis und den Sakramenten fühlte er sich dafür gut ausgerüstet. So erlebte er es selbst immer wieder, dass er von der Angst zur Freude kommen und singen konnte: „Nun freut euch, lieben Christen gmein, / und lasst uns fröhlich springen …“. (ELKG 239,1).

Dass es dafür manchmal auch ganz praktischer Tipps bedarf, das wusste auch Luther: Entsprechend konnte er schwermütigen Menschen empfehlen, sich in Gesellschaft zu begeben, Musik zu machen oder gut zu essen und zu trinken. All das tat er nicht als „ungeistlich“ ab, sondern sah auch das als Gaben Gottes, die dazu beitragen, dem Teufel, der Angst verbreitet, das Maul zu stopfen.

Von der Angst zum Vertrauen, von der Ausweglosigkeit zu fröhlichem, dankbarem Singen – das ist ein Weg, den Luther immer wieder gehen musste und der vielleicht auch unser Weg ist.

Christoph Barnbrock