5.12.2016

„Den Sound des Reformators besser hören“

 Auf einen Kirchenkaffee mit Achim Behrens, Professor für das Alte Testament an der Lutherischen Theologischen Hochschule Oberursel. Ein Interview von Gabriele Kiunke

Die neue Lutherbibel ist seit Oktober im Handel. Es ist die vierte Überarbeitung nach dem Original des Reformators. Worauf es dabei ankam und ob das Ergebnis gelungen ist, darüber spricht Prof. Achim Behrens von der Theologischen Hochschule Oberursel.

War die Zeit reif für eine neue Version der Lutherbibel? 

Ja, das war sie. Luther hat ja zu Lebzeiten selbst bereits zwei Überarbeitungen vorgenommen. Es ist einfach so, dass sich das Sprachgefühl verändert und es auch neue theologische Einsichten gibt. Der Unterschied zu der Fassung von 1984 beträgt aber weniger als fünf Prozent.

Das ist  sehr wenig, was hat sich dann überhaupt geändert?

Es gibt zwei Kriterien, nach denen die Übersetzer vorgegangen sind. Erstens: sofern möglich und es verständlich ist, Luther im Urtext beibehalten. Zweitens sollten neue Erkenntnisse aus der Forschung berücksichtigt werden. Sehr bekannte Texte wie die Schöpfungs- und Weihnachtsgeschichte wurden aber überhaupt nicht verändert, auch wenn man vom hebräischen und griechischen Text ausgehend etwas ändern könnte. Es war ausdrücklich nicht das Ziel, einen modernen Bibeltext herzustellen, sondern vielmehr den Sound des Reformators noch mehr erkennbar und deutlicher hörbar zu machen. An manchen Stellen wurde daher wieder auf Luthers Originalversion zurückgegriffen.

Für manche Selkianer könnte dieser Retro-Trend ein Grund zum Jubeln sein?

Das kommt darauf an, was man möchte. Bei Bibelübersetzungen gilt grundsätzlich die Frage: Möchte man lieber eine verständliche Fassung und nimmt dafür in Kauf, dass sie sich etwas vom Urtext löst. Oder möchte man eine getreue Wiedergabe des Urtextes und nimmt dafür in Kauf, dass es nicht superverständlich ist. Beides hat sein Recht. Ich finde die neue Lutherbibel gut, weil dort die Sprache Luthers teilweise noch authentischer zu hören ist. Ich kann aber Menschen verstehen, die sagen, für alle Tage nehme ich lieber die Gute Nachricht.

Haben Sie ein Beispiel, wo man auf Luthers ursprüngliche Version zurück ging?

Micha 5, Vers 1. Da stand bisher „du Bethelem Efrata, die du klein bist unter den Städten Judas“. Im Urtext heißt es aber „unter den Tausenden in Juda“, wie es Luther auch ursprünglich übersetzt hatte. Dahin ist man jetzt wieder zurückgekehrt.

Gibt es auch Stellen, die nicht so gut gelungen sind?

Ja, z.B. 1. Kor. 13, 1: „Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht ….“  Bisher hieß es, „die Liebe nicht“, jetzt ist es ein Genetiv. Das kann man verstehen, wenn man 13 Erklärungen dazu liest, aber erstmal erschließt es sich nicht. Da haben sie es mit der Werktreue etwas übertrieben.

Wie sind die Reaktionen in der SELK auf die Lutherbibel?

Viele hatten Angst, weil es ein neues Produkt ist und man vom Bewährten wegkommt. Die Erwartungen waren bei manchen entsprechend skeptisch. Aber dann lesen es die Leute und sagen, es ist uns zu altmodisch.

Wurde denn auch etwas modernisiert?

Ja, bei den Anreden in den Paulusbriefen. Da sind jetzt auch die Schwestern genannt, bisher stand da nur „liebe Brüder“. Aber da ging es nicht darum, Geschlechtergleichheit herzustellen, sondern man hat es nur an den Stellen gemacht, wo man sich sicher war, dass Männer und Frauen gemeint waren. Das ist auch im Sinne des Urtextes. Aber da werden wir sicher noch Diskussionen in unserer Kirchen haben.

Im Gegensatz zu anderen Übersetzungen z.B. Basisbibel oder “Die gute Nachricht” bleibt auch die neue Lutherbibel schwerer verständlich. Warum sollte ich sie trotzdem lesen?

Jede Übersetzung ist eine Interpretation, anders geht es nicht. Eine 1:1-Wiedergabe aus einer anderen Sprache gibt es nicht. Man muss immer deuten. So ist in der Sprache der Lutherbibel auch seine Theologie zu erkennen. Ich gebe Ihnen ein typisches Beispiel für eine Lutherbibel: Römer 3, Vers 28. Da schreibt Paulus nach Luther: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne Werke, allein durch Glauben.“ Ein ganz wichtiger Satz für die lutherische Rechtfertigungslehre. Das „allein“ steht aber nicht im griechischen Text, sondern da steht, „man wird gerecht ohne Werke, aus Glauben“. Schon zu Lebzeiten warf man Luther vor, er würde den Text verändern und seine Theologie in die Texte  einbringen. Luther hat darauf in einer eigenen Schrift geantwortet und sagte: Ich verdeutliche nur, was da steht. Wenn ihr ertragen könnt, dass da steht „ohne Werke“, dann ist das „allein“ nur eine Verdeutlichung. Also kein neuer Gedanke. Dieser Satz ist in seiner Sprachgestalt für unsere Theologie prägend geworden.

Warum ist in der SELK für Gottesdienste nur die Lutherbibel zugelassen?

Das ist auch in allen evangelischen Landeskirchen der Fall. Der zum Gottesdienst freigegebene Text ist immer die jeweils gültige Lutherbibel, denn darin wird deutlich, was  evangelische Theologie ausmacht.

Wird die neue Lutherbibel von der SELK angenommen werden?

Die Theologische Kommission beschäftigt sich zurzeit mit den Perikopen, also den gottesdienstlichen Lesungen. Die gesamte Bibel wird weder angenommen noch abgelehnt. Man kann niemand vorschreiben, welche Bibel er zu lesen hat. Für die Lesungen im Gottesdienst wird nun geschaut, ob wir dafür die neue Version übernehmen. Ich bin nicht in der Kommission, aber bisher war es so, dass die SELK die jeweilig gültige Lutherbibel für die Perikopen übernahm.

Welche Bibelübersetzung lesen Sie am liebsten?

Ich bin ein großer Fan der Lutherbibel.

 

Die Fragen stellte Gabriele Kiunke für dem „Immanuelsbrief“, den Gemeindebrief der Stuttgarter Immanuelsgemeinde der SELK.