3.11.2016

Rechtfertigung heißt Vergebung der Sünden

Ein Doppel-Interview mit Bischof Hans-Jörg Voigt und Prof. Achim Behrens von der Lutherischen Theologischen Hochschule Oberursel mit Blick auf das Reformationsjubiläum.

In der lutherischen Theologie steht sie im Zentrum: die Rechtfertigung. Aber was bedeutet das eigentlich? Und was hat Rechtfertigung mit der Beichte zu tun? Im Gespräch darüber äußern sich der Bischof der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), Hans-Jörg Voigt, und Achim Behrens, Professor für Altes Testament an der Lutherischen Theologischen Hochschule in Oberursel.

In einem Referat sagten Sie, Bischof Voigt: „Wenn es stimmt, dass die Reformation ihren Ausgang nahm mit der Beicht- und Bußpraxis des ausgehenden Mittelalters, dann ist Reformationsgedenken Beichtgedenken“. Die Beichte steht also im Zentrum des Reformationsgedenkens?

Hans-Jörg Voigt: Der Anlass für dieses Reformationsjubiläum im nächsten Jahr sind ja die 95 Thesen Martin Luthers, die er 1517 veröffentlichte. Die erste dieser Thesen lautet: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: ‚Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen’, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.“ Luther setzte also – auch mit seiner Frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ – an bei der mittelalterlichen Beicht- und Bußpraxis. Es ist daher angemessen, wenn eine lutherische Kirche in ihrem Reformationsgedenken daran anknüpft. Nach der Konkordienformel in den lutherischen Bekenntnisschriften heißt rechtfertigen „gerecht und ledig von Sünden sprechen (absolvieren)“.

Darum auch ein Gottesdienst mit Sündenbekenntnis und Absolution als zentrale Gedenkveranstaltung der SELK zum Reformationsjubiläum 2017?

Voigt: Rechtfertigung geschieht in der Beichte, aber in vielen anderen Kontexten auch, zum Beispiel, wenn ich abends mit meiner Frau zusammen das Vaterunser bete und darin bitte: „Vergib uns unsere Schuld“ – dann geschieht da Rechtfertigung. Auch im Gottesdienst, beim Predigen oder Abendmahlfeiern geschieht Rechtfertigung. Mit dem Gottesdienst am 24. Juni 2017 in der Stadtkirche in Wittenberg setzen wir als Kirche bewusst einen Schwerpunkt. Der Gottesdienst steht unter dem Motto „Freude in Christus“. Christus allein schenkt Vergebung. Diese Vergebung, die Christus schenkt, wollen wir in einem Gottesdienst mit Sündenbekenntnis und Absolution feiern.

Achim Behrens: Ich bedaure gelegentlich die Engführung der Rechtfertigung auf Beichte in unseren Reihen. Mir liegt daran, das zu betonen, was der Bischof eben sagte: dass Rechtfertigung nicht auf Beichte allein eingeengt wird. Ich finde es gut, dass der Gottesdienst in Wittenberg unter dem Titel „Freude in Christus“ gefeiert wird. Es geht doch darum, das zu stärken, was lutherische Theologie ausmacht, und da steht tatsächlich die Rechtfertigung in der Mitte. Dieser Grundgedanke prägt das Gottesbild – und das Menschenbild lutherischer Christen. Dabei würde ich es nicht bei dem historischen Anlass des Thesenanschlags beziehungsweise der Anknüpfung an Luthers Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Beicht- und Bußpraxis belassen. Für viele sind der Akt der Beichte und auch die Form des Beichtgottesdienstes heute doch sehr „randständig“. Nicht dass ich das gut fände, aber man muss das Phänomen zur Kenntnis nehmen.

Die Beichte wird in der SELK hauptsächlich in der Form der Allgemeinen Beichte praktiziert – als eigene Beichtandacht vor dem Gottesdienst oder zu Beginn des Gottesdienstes. Wenn im Gottesdienst, im Abendmahl insbesondere, auch Vergebung geschieht: Was ist dann der „Mehrwert“ der Beichte?

Voigt: Die Beichte bringt ein höheres Maß an Vergewisserung mit sich. Die Bitte um Vergebung wird von Gott erhört; ja, er hat versprochen, Gebete zu erhören. Aber der Zuspruch der Vergebung in der Absolution: „Dir sind deine Sünden vergeben“, hat ein höheres Maß an Vergewisserung. Daher spricht das Augsburger Bekenntnis in Artikel 25 auch von dem großen Trost der Absolution und formuliert: „…als ob Gottes Stimme selbst vom Himmel erschallt“.

Das Heilige Abendmahl spricht auch Vergebung zu, es umfasst aber noch sehr viel mehr – nämlich Tischgemeinschaft, Gemeinschaft mit Jesus Christus, seinem Leib und Blut, und Gemeinschaft der Christen untereinander. Wobei man auch ungebeichtet zum Abendmahl kommen kann, da hat es früher gelegentlich Unsicherheiten gegeben. Wer es also morgens nicht rechtzeitig zum Beichtgottesdienst aus den Federn geschafft hat, kann trotzdem zum Abendmahl gehen.

Es sind also verschiedene Schwerpunktsetzungen: Die Beichte setzt den Schwerpunkt auf das Sündenbekenntnis und die Vergebung, das Heilige Abendmahl setzt den Schwerpunkt auf die innige Gemeinschaft mit Jesus Christus und die Gemeinschaft untereinander – bei der auch Vergebung geschieht.

Behrens: Man könnte das höhere Maß der Vergewisserung durch die Absolution noch anders formulieren aus Sicht derer, die das wahrnehmen. Der persönliche Zuspruch mit Handauflegung macht die Erfahrung der Vergebung zu etwas Besonderem. Es herrscht viel Unverständnis und Unsicherheit darüber, was Beichte eigentlich ist. Sie wird als altmodisch gesehen, als Akt, in dem der Mensch klein gemacht werden soll. Es ist der Kirche nicht gelungen, zu vermitteln, dass es darum gerade nicht geht, sondern dass der Mensch darin befreit wird.

Den Menschen fällt es häufig schwer, zu erkennen, dass sie schuldig sind, dass sie der Vergebung bedürfen. Insofern ist die Beichte im Verständnis vieler tatsächlich immer noch ein „Zwangsinstrument“ der Kirche.

Voigt: Ich kann nachvollziehen, dass Menschen das so sehen. Es geht aber eben nicht darum, dass wir in der Beichte  klein gemacht werden sollen. Sondern wir machen uns jeden Tag selbst klein, indem wir schuldig werden – vor Gott und gegenüber den Mitmenschen. Das, was uns an Schuld geschieht, was wir tun, das macht uns klein. Die Beichte hingegen macht uns groß, in dem sie sagt: „Dir sind deine Sünden vergeben. Die Schuld ist weg, das zählt vor Gott nicht mehr, du kannst bei Null wieder anfangen.“ Das macht uns groß! Daher ist es wichtig, dass die Beichte zum Kernbestand lutherischer Kirche gehört. Auch wenn es Gemeinden gibt, in denen diese Praxis weiter weg ist.

Fehlt es an der Praxis oder am Verständnis der Inhalte?

Behrens: Ich vermute, das theologische Verständnis der Beichte fehlt weitgehend. Die Frage ist doch: Wo gibt es dafür den Anknüpfungspunkt in der eigenen Erfahrung? Wenn der Mensch nie den Eindruck hat, er sei irgendwie Sünder, das werde ihm immer nur eingeredet von Pastoren, dann hat er auch kein Bedürfnis nach der Beichte. Aber wo jemand ergriffen ist davon – da werden Sünde und Vergebung erlebbar. Erfahrung ist zwar keine Kategorie, die in unserer lutherischen Theologie eine große Rolle spielt. Aber wenn der Glaube auf Dauer unerfahrbar bleibt, dann schlägt er auch nicht Wurzeln in den Herzen. Ich bin aber überzeugt, dass die biblische Rede von Sünde und Gnade und Rechtfertigung anknüpft an das Erleben des Menschen. Unsere Aufgabe ist es, Formulierungen und Formen zu finden, die diese Erfahrung ermöglichen. Die Beichte muss einen Raum eröffnen, in dem ich die Dinge ansehen kann, die ich eigentlich nicht so gern ansehen will. Einen Raum, in dem ich diese Dinge eben gerade loswerden, abgeben kann, in dem sie mir vergeben werden.

Voigt: Um die Vermittlung geht es doch immer in der Verkündigung: Gottes Wort auszulegen, zu den Menschen zu bringen, also zu „vermitteln“. Schuld gehört einerseits überhaupt nicht zu unserer Erfahrungswelt. Schuld vor Gott ist uns natürlicherweise gar nicht bewusst. Dafür haben wir kein Sensorium. Was ich an Gott sündige, muss mir gesagt werden. So gesehen haben wir tatsächlich ein „Vermittlungsproblem“, das sich jeden Sonntag und jeden Tag der Woche neu stellt.

Auf der anderen Seite hat der Mensch sehr viel mit Schuld zu tun in seinem Alltag. Das ist offensichtlich. Was es für Konflikte gibt, allein in Familien und Gemeinden! Und ja: Erfahrung gehört auch zum Glauben, weil Vertrauen und Glaubenserkenntnis zusammen gehören. Und Vertrauen hat mit Gefühl zu tun, mit Zuwendung und damit auch mit Erfahrung, darum geht es tatsächlich auch.

Behrens: Jeder Pfarrer kennt das: dass wir Dinge in unseren Predigten sagen, die absolut richtig sind – und sie kommen trotzdem nicht an. Jetzt könnte man es sich leicht machen und sagen: Da mag der Teufel im Spiel sein, oder die Leute sind halt harthörig… Aber manchmal muss man auch andere Wege suchen, damit die Dinge nicht nur theologisch richtig sind, sondern auch erfahrbar werden. Die Botschaft in Bezug auf die Beichte, die von uns als Kirche wahrgenommen wird, ist die: Der Beichtgottesdienst ist wichtig, die Leute müssten nur wieder öfter hingehen. Und das unterlegt mit dem Ton eines leichten Vorwurfs.

Was kann die Kirche denn anders machen?

Behrens: Wir müssten neu überdenken, wie die Beichte zu gestalten wäre. Ich bin ein großer Freund davon, die klassische kirchliche Begrifflichkeit tatsächlich beizubehalten. Also eben nicht zu sagen: Wir nennen es anders, wir lassen Beichte und Absolution weg, wir benutzen den Begriff der Sünde nicht mehr, weil das ein schwieriger Begriff ist. Aber wir sollten uns viel mehr um die Vermittlung unserer Themen bemühen, weil die Leute inzwischen so weit weg sind, dass sie Sünde nicht anders verstehen können denn als moralische Verfehlung, und Beichte nicht anders denn als Zwang, sich in eine Kiste zu zwängen und dem Pfarrer die intimsten Verfehlungen zu erzählen – ich karikiere etwas. Ich würde die Beichte gern vom Beharren auf bestimmten Formen und bestimmten Handlungen lösen.

Voigt: Ich erlebe das in unserer Kirche anders. Ich erlebe, dass in der überwiegenden Mehrheit unserer Gemeinden eine durchaus lebendige Praxis der gemeinsamen Beichte vorhanden ist. Das ist eine Form, über die man auch immer wieder nachdenken kann – zumal sie auch eher neu ist und die Einzelbeichte weitgehend abgelöst hat. Aber damit ist auch die Türe zur Einzelbeichte offen gehalten, weil die Leute aus der gemeinsamen Beichte wissen wie’s „funktioniert“ und die Einzelbeichte kommt auch in unseren Gemeinden vor. Da müssen wir anknüpfen und überlegen, was wir für einen Schatz haben und wie wir den lebendig halten können. Das ist auch die Intention in unseren Planungen für das Reformationsjubiläum.

Unser Gespräch führt aber zu sehr auf die Sündenerkenntnis, auf die Frage: Was ist Sünde? Dass Christus uns vergibt, ist eine frei machende Freude, die unser Christenleben bestimmt. Das ist der eigentliche Zielpunkt.

Behrens: Einverstanden. Wir sollten deutlich machen, dass Rechtfertigung in ganz vielen Situationen geschieht und fast schon als eine Art Lebensgefühl lutherischer Christen bezeichnet werden könnte. Dazu gehört auch der Begriff „Sünder und Gerechter zugleich“. Für Selbstgerechtigkeit ist in diesem Gottes- und Menschenbild kein Raum, für das Scheitern und wieder neu Anfangen hingegen schon. Das ist tatsächlich ein Gedanke, der an die Erfahrung der Menschen anknüpfen kann. Ich benutze beim Erklären des vierten Artikels des Augsburger Bekenntnisses, des „Allein aus Gnaden“, gern den lateinischen Begriff: gratia – gratis. Das versteht jeder.

„Gratis“ versteht jeder. Aber entspricht das wirklich der Erfahrung der Menschen? Ist es nicht näher liegend, zu glauben, man müsse sich in der Beichte klein machen, bereuen und dann „Busse tun“?

Behrens: So ist das vermutlich im Empfinden vieler Menschen. Auch, weil uns das „Gratis“ nun gar nicht in Fleisch und Blut liegt – wir möchten lieber etwas leisten.

Voigt: Die Frage ist doch, was denn gratis ist. Gratis ist die Vergebung. Was wird vergeben? Unsere Schuld. Der Begriff „gratis“ trifft es. Aber er entfaltet nur dann seine Wirkung, wenn deutlich ist, was uns gratis geschenkt wird.

Es geht in der Beichte nicht darum, Leute klein zu machen. Wir machen uns oft selbst klein, ohne es zu merken. Christus richtet uns auf, macht unseren Rücken wieder grade. Selbst wenn ich keinen genauen Blick für meine Verlorenheit vor Gott habe, richtet er mich auf und macht mich stark in den Konflikten.

Behrens: Mit der etwas altertümlichen Formulierung „simul iustus et peccator“ („zugleich gerecht und Sünder“) ist das, was Rechtfertigung bedeuten kann, wunderbar auf den Punkt gebracht: Dass man nämlich nicht so tun muss, als gebe es keine Schuld und keine Schattenseiten in diesem Leben – und dass man gleichzeitig weiß, wohin man damit gehen kann. Wo das gut aufgehoben ist, weil man es selbst nicht aufheben kann.

Voigt: Sünder und Gerechter gleichzeitig: diese Formulierung hilft, glaube ich, Menschen in unserer Zeit, weil sie genau das erleben, beispielsweise in schwierigen Situationen, in denen man sich nur zwischen zwei „falschen“ Wegen entscheiden kann – und schuldig wird. Gerade am Anfang und am Ende des Lebens gibt es oft solche Situationen. Da hilft es, das eigene Sündersein so grundsätzlich zu verstehen, dass wir bis zu unserem letzten Atemzug die Bitte brauchen: „Und vergib uns unsere Schuld“. So muss ich mein Leben nicht zurechtbiegen, sondern kann sagen: Du hast recht, ich habe Fehler gemacht; lass uns sehen, wie wir weiter damit umgehen. Das ist menschlich befreiend. Ich vermute allerdings, dass wir in unserer Gesellschaft weithin vergessen haben, wovon wir befreit sind. Deswegen stört mich gelegentlich das Pathos, das mit dem Begriff Freiheit oft verbunden wird.

In der Einladung der SELK zum Festwochenende anlässlich des Reformationsgedenkens 2017 heißt es: „Ohne Zweifel ist es im Sinne Luthers, dass wir nicht ihn in den Mittelpunkt stellen, sondern Christus und den Glauben an ihn, den der Reformator vor 500 Jahren wieder ans Licht geholt hat“. Also keine Luther-Gedenkfeier?

Voigt: Es ist uns ein Anliegen, keine Jubelfeier zu veranstalten. Wir versuchen, beim Ausgangspunkt der Reformation anzusetzen: bei der Vergebung, bei der Rechtfertigung im weiten Sinn. Bei dem, was in den lutherischen Bekenntnisschriften zusammengefasst ist. Deshalb finden die Feierlichkeiten im Kontext des Tages der Augsburger Konfession, dem 25. Juni, statt. Das ist übrigens auch der Tag, an dem sich die bekenntnislutherischen Kirchen 1972 zusammengeschlossen haben.

Behrens: Und es ist gut, dass es eine lutherische Kirche wie die unsere gibt. Gleichwohl soll man nicht verschweigen, dass mit der Reformation ein Stück Einheit der Christenheit zerbrochen ist. Wir müssen erkennen, dass es die Dimension eines Bruches, einhergehend mit Verletzungen, gegeben hat. Nun ist die römisch-katholische Kirche ja auch eine ganz andere als zu der Zeit Luthers. Alte Verwerfungen zu reproduzieren würde dem nicht gerecht. Vielleicht gelingt es uns ja, in einer weiter ökumenisch gesinnten Welt, das was Luther als Zentrum des christlichen Glaubens zum Leuchten gebracht hat, neu einzuspeisen.

Voigt: Da möchte ich doch nochmals einhaken, weil das im Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2017 immer wieder zu hören ist: dass die Einheit der Kirche in der Reformation zerbrochen sei. Die Einheit war vorher zerbrochen, und zwar die Einheit in der Lehre dessen, wie ein Mensch zu Gott gelangt und Gott zu den Menschen. Die Reformation hat sich verstanden als Bewegung, die zu dieser Einheit zurückführen will. Deshalb verstehen sich die lutherischen Bekenntnisse auch als die ökumenischen Bekenntnisse. Vordergründig ist die Einheit mit der Reformation verloren gegangen, aber wenn man theologisch tiefer hindenkt, dann ist sie vorher zerbrochen. Die Reformation wollte zurückführen zur Konkordie, zur Einheit. Dass das bis heute nur bruchstückhaft gelungen ist, auch wenn große Annäherungen zu konstatieren sind, sollten wir als Kirche wahrnehmen.

Die Fragen stellte Doris Michel-Schmidt