23.08.2016

Vom Leiden

Leid gehört zum Leben dazu und manche Menschen haben, so scheint es, viel zu viel davon zu tragen. Pfarrer Wolfgang Schillhahn zeigt in seinem Text, wie man mit Gott über leidvolle Zeiten hinwegkommen kann. 

Ich glaube, Gott sieht mich nicht mehr

Man  muss nicht erst die täglichen Zeitungsnachrichten und Fernsehsendungen referieren, um festzustellen, was Menschen körperlich und seelisch aushalten, ertragen oder erdulden müssen. Verlassenheit, Angst, Krankheitsnot, Schmerzen, Zweifel, Verfolgung, Zurücksetzung, Tod und Mord.

Paul Gerhard, Propst in Mittenwald, heiratete 1655. Gott schenkte ihm und seiner Frau Anna Maria fünf Kinder, von denen er ihnen vier wieder nahm. Maria Elisabeth, geboren 1656, gestorben 1657. Anna Katharina, geboren 1658, gestorben 1659. Andreas, geboren 1660, gestorben 1660. Andreas Christian, geboren 1665, gestorben 1665. Nur Paul Friedrich erreichte das Erwachsenenalter.

Frau N.N., Hilfskraft in einer kirchlichen Einrichtung klagt: „Niemand will mich. Ich werde herumgestoßen. Jetzt soll ich auch noch in  einen Außenort versetzt werden. Wie soll ich ohne Auto da überhaupt hinkommen? Und dann: Ich habe vor 10 Jahren ein Kind abgetrieben. Mein Freund wollte es. Was sagt Gott dazu?“

Ein Ehemann erzählt: „Vor zwei Wochen hat meine Frau sich das Leben genommen. Ich bin katholisch, habe aber keine Gemeinde. Jetzt soll ich auch noch Krebs haben. Ich glaube, Gott sieht mich nicht mehr.“

Ein Familienvater berichtet unter Tränen: „Ich habe auf unserem  eigenen Grundstück beim Zurückfahren mit meinem VW Bus mein Kind überfahren. Ich  kann die Bilder nicht wegkriegen. Wie werde ich mit meiner Schuld fertig?“

 

„Guten Morgen liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da?“

Jürgen von der Lippe  hat 1987 etwas oberflächlich-heiter in einem Schlager von den Sorgen gesungen, die uns tagein und  tagaus begleiten und beim Aufwachen wie ein Monster schon wieder da sind. Aber die heitere Tonart ist unpassend, denn hinter den Sorgen verbergen sich, wie eben angedeutet,  unzählige Leiden und grauenvolle Ereignisse, die unser Leben durchziehen und überschatten.  Auch fromme Menschen quälen sich plötzlich mit der Frage: Warum? Wo ist Gott? Warum schweigt er? Warum greift er nicht ein?  Und ganz im Stillen  meinen wir vielleicht, Gott müsse verhindern, dass unschuldige Kinder sterben; dass Schulbusse von der Straße abkommen; dass die Einen sterbenskrank und die Anderen kerngesund sind; dass Flugzeuge vom Himmel fallen; dass die Christenheit oft so ein armseliger Haufen ist.

Wir werden  auf die vielen Warum- Frage keine Antwort bekommen. Wir dürfen aber wissen, dass Gott unsere Fragen aushält. Er ist souverän und so anders, dass er nicht in unsere Vorstellungswelt passt. Er ist nicht nur himmelhoch über uns, sondern er ist auch hautnah  bei uns seit seiner Geburt. Der uns oft so verborgene Gott ist der liebende Gott, der uns nicht ohnmächtig unserem Schicksal überlässt.

Leid ist nicht erklärbar  und Gottes Wege sind unverständlich und rätselhaft. „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege“, lässt uns der Prophet Jesaja wissen. (Jes.55,8)

Dennoch sind unsere  „Warum“ –  Anfragen nicht überflüssig, denn sie signalisieren, dass wir auch im größten Leid nicht auf Gott verzichten können und uns ihm zuwenden, ganz im Sinne des Psalmbeters: „Dennoch bleibe ich stets an dir.“ (Ps.73,23)

Es ist gut, dass ich in der Bibel zahlreiche Glaubensgenossen finde, bei denen ich mich mit meinen Leidensnöten gut verstanden fühle und die in ihrer Sprache formulieren, was mich heute bewegt:

„Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil sie täglich zu mir sagen: Wo ist denn dein Gott?“ (Psalm 42, 4), „Wie lange, Herr, verbirgst du dich so ganz?“ (Psalm 89, 47). „Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.“(Ps.69,2) „Aus der Tiefe rufe ich Herr zu dir“ (Ps.130)

 

„Auf, auf,  gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht“ (ELKG 294,7)

Wir müssen  uns in unseren Leidenstagen nicht zufriedengeben mit der Botschaft des flotten Schlagers „Guten Morgen liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da?“  Unser Gewährsmann ist der leiderprobte Paul Gerhard, der uns in dem Choral „Befiehl du deine Wege“ singen lässt: „Auf, auf,  gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht.“ Wir begrüßen unser Leid nicht, sondern wir verabschieden es. Statt „guten Morgen“ sagen wir „gute Nacht“, bringen unsere Leiden und Schmerzen zu Bett und  hoffen, dass sie allmählich einschlafen!

 

Wie soll das gehen? fragen wir.

Wiederum gibt uns Paul Gerhard einen wichtigen Hinweis, wenn wir lesen: „Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl!“  Wenn ich gewiss bin, dass Gott über alle Regenten dieser Welt der entscheidende und wirkliche Regent ist, dann kann ich mich  ihm mit meinem ganzen Leid und Elend überlassen, denn er „führet alles wohl“, auch wenn es erst einmal überhaupt nicht zu meinen Wünschen passt. Unser Herr Christus hat den Leidenden aller Art  dadurch  geholfen, dass er sie mit ihren Lasten und  Leiden ernstgenommen und die Liebe Gottes in ihr Leben gebracht hat. Ich stehe unter dem Kreuz des Herrn, mein Leiden wird erträglicher, weil der Gekreuzigte mit mir geht und trägt.

Wir müssen uns nun nicht mehr selbst zerstören durch permanentes Suchen nach irgendwelchen Erklärungen für unsere Leiden. Mit dem Annehmen aller Fragen, die ich nicht beantworten kann, beginne ich mein Leid zu verarbeiten, auch wenn ich mich nicht klaglos füge. „Warum geht es dem Gottlosen so gut?“ (Ps.73,3) „Warum bin ich nicht bei der Geburt gestorben?“ (Hiob 3,11)

Stilles Ertragen von Leid kann neues Leid schaffen!

An keiner Stelle verbietet Gott uns zu klagen und unsere Fragen zu stellen die im Letzten nichts anderes sind als ein Zeugnis dafür, dass wir Gottes väterliche Fürsorge in guten und schweren Zeiten  brauchen.

Gott bietet uns in unserem Herrn Jesus Christus Leben an, dass wir uns nicht selbst geben können.

Niemand wird ohne Leiden und Krankheiten und Niederlagen  durch das Leben kommen. Aber Gott ist da, wenn wir ihn brauchen und er trägt uns durch.

Wir singen oft gut gelaunt und in fröhlicher Christengesellschaft: „Unser Leben sei ein Fest.“ Wir wissen auch, dass es ganz anders sein kann. Nämlich so:   „Schickt er mir ein Kreuz zu tragen, dringt herein Angst und Pein, sollt ich drum verzagen? (ELKG 297,4) „Nein“, antworten wir, „wir müssen  nicht verzagen, denn Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.“

Wolfgang Schillhahn