12.04.2016

Vergebung – wie geht das?

Vergebung, das ist ein großes und wichtiges Thema, weiß Pfarrer Johannes Heicke. Denn es ist ja so: Wie soll ich mit anderen Menschen zusammenleben, wenn ich nicht vergebe?

Mehrmals am Tag stört mich etwas an meinem Partner, nerven mich die Kinder, haben meine Eltern Ansprüche, streite ich mich mit der Nachbarin oder dem Arbeitskollegen – und ständig vergebe ich diese kleinen Verletzungen, trage sie dem anderen nicht mehr nach. Vergebung passiert also ständig und überall, sonst könnte Zusammenleben nicht funktionieren.

Und doch: Wenn wir uns fragen: „Wie geht denn Vergebung? Was ist das genau?“, ist es ziemlich schwierig, eine klare Definition zu finden. Ist Vergebung nur, wenn einer bereut? Oder nur, wenn sich am Schluss beide einig sind? Oder geht Vergebung auch nur in mir drin? Muss ich den anderen wieder mögen, um vergeben zu haben?

 

Zur Klärung hilft ein Blick in die Bibel. Zum Beispiel in die Vergebungsgeschichte von Josef und seinen Brüdern. Da muss man zunächst sagen: Der Josef hat die Brüder vor der Vergebung am Ende erst noch ganz gut getriezt. Er hat seine Identität geheim gehalten, ihnen einen goldenen Becher untergejubelt und sogar einen von ihnen verhaftet. So hat er ihnen richtig Angst eingejagt.

Die Vergebung kommt eigentlich erst ganz am Ende der Geschichte, in 1. Mose 45. Hier sagt Josef: „Ich gebe meinen Groll gegen Euch auf. Ich will Euch nicht mehr nachtragen, dass Ihr mich in die Sklaverei verkauft habt. Im Gegenteil: Ich will Euch und Euren Familien ein besseres Leben ermöglichen.“ Wie gesagt: Das ging nicht von jetzt auf gleich. Dazu hat er einige Zeit gebraucht.

Ich frage mich: Hat sich denn da plötzlich sein Gefühl gegenüber den Brüdern verändert? War sein Ärger einfach so weg? Oder hat er sich nicht viel eher trotz seines Ärgers entschieden, der Liebe zu seiner Familie zu folgen? Ist Vergebung erst, wenn ich den Groll in mir nicht mehr fühle?

Ich glaube das nicht. In Matthäus 5,23f steht: Wenn ihr also vor dem Altar im Tempel steht, und es fällt euch mit einem Mal ein, dass jemand etwas gegen euch hat, dann lasst euer Opfer liegen, geht zu dem Betreffenden und versöhnt euch mit ihm.

Jesus sagt: Vergebung ist sogar wichtiger als Gottesdienst. Und er sagt: „Geh direkt hin!“ Da steht nicht: Warte, bis du dich wirklich kein bisschen mehr ärgerst. Sondern: Geh los und klär‘ die Sache. Das ist der Befehl zu einer Entscheidung. Ich kann mir also vornehmen, zu vergeben.

Klar, ich kann mir nicht vornehmen, anders zu fühlen. Aber ich kann mir vornehmen, dem anderen die Verletzung nicht mehr nachzutragen. Ihr kennt das doch sicher auch: Wie oft geht’s mir so, dass ich meiner Frau die ganz alten Karmellen wieder auf’s Brot schmiere: „Aber damals hast Du dasunddas gemacht, und das hat mir weh getan.“ Dabei ist das ewig her und sie hat sich vielleicht sogar entschuldigt.

Vergebung ist, wenn ich das nicht mehr ausspreche. Wenn ich es für mich behalte. Nicht immer wieder aufwärme. Dann verliert es nämlich auch seine Macht über mich.

Genauso steht’s damit, schlecht über den anderen zu reden. Wenn ich mich entscheide, eine Sache zu vergeben, dann ist sie weg. Dann halte ich sie auch nicht mehr warm, indem ich sie andern erzähle. Und dann wird mit der Zeit auch mein Groll weichen.

 

Jetzt kommt die spannende Frage: Wer ist denn jetzt eigentlich verantwortlich für die Versöhnung? Der, der verletzt hat? Oder der, der verletzt worden ist?

Völlig klar ist, dass der Verletzer Verantwortung hat, die Sache zu klären. Wenn ich weiß: „Ich hab‘ da Mist gebaut“, ist es an mir, hinzugehen und um Vergebung zu bitten.

Allerdings geht Jesus noch weiter. In Matthäus 18,15 sagt er: Wenn dir ein Bruder Unrecht getan hat, geh zu ihm und weise ihn auf seinen Fehler hin.

Komisch, oder? Der, dem wehgetan wurde, soll jetzt auch noch hingehen? Warum fordert Jesus denn so etwas?

Oft kommen zwei Leute unabhängig voneinander zu mir in die Seelsorge und erzählen mir, dass der jeweils andere sie verletzt hat. Und es geht um dasselbe Gespräch. Ich darf dazu dann nichts sagen, wegen des Beichtgeheimnisses. Aber ich sehe: Oft ist die Verletzung nicht einseitig. Und wenn dann beide denken: „Der andere hat aber angefangen“, dann wird die Beziehung nie geklärt.

Oder ein Mensch beklagt sich fürchterlich über die Fehler eines anderen. Der hat das aber gar nicht bemerkt. Ich frage: „Hast Du ihn denn schon mal drauf angesprochen?“ „Nee, das ist doch wohl seine Aufgabe!“ „Ja wenn er’s aber doch gar nicht weiß?“

Deshalb also sagt Jesus: Auch wenn Du der bist, der sich verletzt fühlt, geh hin. Mach dich auf den Weg und klär‘ die Sache.

Das Wort, das hier steht, meint dabei ein freundliches, liebevolles „zur Sprache bringen.“ Wenn ich natürlich hingehe und den anderen anpampe, dann wird er auf stur schalten. Dann habe ich gar nichts gewonnen.

Es geht also, im Bild gesprochen, darum, dem anderen die Hand zu reichen, nicht die Faust zu zeigen. So zu reden, dass er darauf eingehen, einschlagen kann. Immer mit der Offenheit, dass ich mich vielleicht auch nicht ganz korrekt verhalten habe. Als Christ weiß ich ja: Ich bin auch nicht perfekt. Ich bin auch immer wieder auf Gottes Vergebung angewiesen.

Meistens ist es gut, erstmal den anderen zu hören: Wie hast Du die Situation erlebt? Warum hast du so gehandelt?

Und dann aus der Ich-Perspektive zu sagen, wie es mir ergangen ist: „Ich hatte das Gefühl, du wolltest mich verletzen.“ Da kann der andere nämlich nicht einfach „Nein“ sagen. Es ist ja mein Gefühl, das ich da hatte. Sondern er kann sagen: „Das war gar nicht meine Absicht.“ Und der Schritt zum „Das tut mir leid“ ist gar nicht mehr so weit. Man nennt das „Ich-Botschaften“ – das kann man richtig trainieren.

Ich weiß, das ist jetzt ein totales Idealbild. Oft sind die Konflikte ja so verfahren, dass ich gar nicht mehr die Ruhe mitbringe, so etwas vorsichtig zu formulieren.

Manchmal kann es dann helfen, einen Vermittler einzuschalten. Nicht einen Anwalt für meine Sache, sondern einen, der möglichst neutral und von beiden anerkannt ist. Das kann zum Beispiel ein Pastor sein. Oder noch besser: Ein ausgebildeter Schlichter oder Mediator.

 

Alles schön und gut, wenn so ein Gespräch gelingt. Wenn das Gegenüber auch seinen Anteil am Streit einsieht. Was aber, wenn nicht? Wenn wir uns eben nicht einigen können, dass jeder seinen Anteil gehabt hat? Dann muss ich ja wohl auch nicht vergeben, oder?

Das sieht die Bibel leider anders. Für Jesus ist völlig klar: In jedem Fall ist Vergebung die Aufgabe des Christen.

Jesus sagt: „Wenn dir einer auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die linke hin.“ (Matthäus 5,39) Das heißt doch: Geh nicht auf den Angriff ein. Steig nicht ein in die Gewaltspirale. Wenn dich einer verletzt, verletze ihn nicht wieder. Selbst wenn er nicht versteht, dass er Mist baut.

Jetzt kann man fragen: „Aber wie kann denn das aussehen? Wie kann ich mich denn wieder vertragen, wenn der andere das ablehnt?“

Das stimmt. Vertragen kann ich mich nicht unbedingt. Echte Versöhnung wird dann wohl nicht möglich sein. Aber das, was an Vergebung in mir drin möglich ist, das soll ich versuchen. Paulus sagt: „Soviel an euch liegt, habt mit allen Menschen Frieden.“ (Römer 12,18)

Sprich: Versuche trotzdem, dem anderen seine Verletzung nicht nachzutragen. Und vor allem nicht Rache zu üben, indem ich zum Beispiel bei anderen schlecht über sie oder ihn rede.

 

Ja, ich weiß: Das sind große Erwartungen, die die Bibel, die Jesus da an uns stellt. Aber das tut er nur, weil er weiß: Nur das tut uns Menschen am Ende gut. Nur das kann zu Frieden führen, zu guter Gemeinschaft.

Trotzdem werden wir Menschen an diesen hohen Zielen immer wieder scheitern. Wie gut, dass unser Vater im Himmel kein Mensch ist. Dass er Gott ist und seine Zusage immer einhält: „Ich vergebe dir deine Schuld. Und zwar eben auch dann, wenn du es mal wieder nicht geschafft hast zu vergeben!“

Johannes Heicke