12.04.2016

„Ich bin doch (k)ein Heiliger!“

Ich bin der Neue in unserem Dorfverein. Erste Trainingseinheit. Viele neue Gesichter. Nach dem Abschlussspiel ab in die Kabine. Zeit für`s Sprücheklopfen. „Sag mal, du als Pfarrer, darfst du überhaupt ein Bierchen mit uns trinken?“ – „Klar doch, ich bin doch kein Heiliger!“, erwidert Pfarrer Benjamin Anwand. Plopp und Prost.

Manchmal gelingen uns spontan gut Sprüche. Manchmal eher nicht. Über diesen musste ich länger nachdenken. „Ich bin doch kein Heiliger“? Was ist das eigentlich, ein Heiliger?

Ein besonders frommer Mensch?

Einer, der alles richtig macht?

Ein tüchtiger Glaubensheld?

Einer der kein Bier mit den Jungs in der Kabine trinkt?

 

Folgendes Erlebnis hat mir geholfen, besser zu verstehen.

Eine Mutter macht mit ihrem Sohn Urlaub in Italien. Sie haben viel Zeit.

Nach vielen Tagen am Strand geht es heute in eine alte kleine Stadt.

Die beiden bummeln durch den historischen Stadtkern. Und betreten eine Kirche. Eine große Kirche. Es gibt viel zu sehen. Nachdem sie sich ein paar Minuten umgeschaut haben fragt der Junge, was das für merkwürdige Figuren oben in den Glasfenstern seien.

„Das sind wohl irgendwelche Heilige“, sagt die Mutter.

„Was sind denn Heilige?“ will der Junge daraufhin wissen. Die Mutter überlegt kurz und schüttelt dann mit dem Kopf. Eine bessere Antwort kann die Mutter ihm leider nicht geben. „Du, ich weiß es selbst nicht so genau.“

 

Der Junge erkundet die Fenster also auf eigene Faust diese Fenster weiter. Nach einer Weile sagt er: „Mama, ich weiß jetzt, was Heilige sind. Es sind Menschen, durch die das Licht hindurch scheint“.

 

Eine tolle Antwort. Und ein gutes Bild um zu erklären, wie es mit dem „heilig sein“ wirklich ist. Denn es zeigt: Zunächst hat „heilig sein“ nichts zu tun mit dem, was ich tue oder eben nicht tue. Die Figuren in den Fenstern der alten Kirche in Italien werden zunächst einfach vom Licht durchschienen.

Wir werden zunächst von Gottes Licht durchschienen.

Weil wir zu ihm gehören.

eil wir getauft sind.

Weil er uns durchscheint mit seiner Liebe und sagt:

„Zwischen uns ist alles in Ordnung.

Mein Sohn Jesus Christus ist für dich gestorben und auferstanden.

Damit hat er alle Schuld deine Schuld bezahlt.

Und ich schenke dir damit Leben über den Tod hinaus. Ewiges Leben.“ Durchschienen von Gottes Licht. Sein Licht scheint durch uns hindurch. Ohne, dass wir irgendetwas dafür tun könnten.

Gott selbst bringt uns zum strahlen. Das nennt man in der lutherischen Theologie „Rechtfertigung“.

Und jetzt kommen wir zum „heilig sein“.

 

„Heilige sind Menschen, durch die das Licht hindurch scheint“, hat der Junge in der Kirche festgestellt.Weil die Figuren in den Kirchenfenstern von dem Licht durchschienen sind, fallen sie dem kleinen Jungen auf. Und dann auch seiner Mutter. „Sie leuchten so schön!“ Wenn wir durchschienen werden von Gottes Licht, bringt uns das zum Leuchten. Es bleibt nicht folgenlos, dass wir durchflutet werden von Gottes Licht. Quasi automatisch wird sich in unserem Leben etwas verändern.

Wir werden versuchen so zu leben, dass es dem Licht entspricht.

Dass wir möglichst lichtdurchlässig sind. Konkret: Dass wir so unser Leben gestalten, wie Gott es sich vorstellt. Das nennt man dann in der lutherischen Theologie Heiligung. Und die Heiligung ist eine Folge der Rechtfertigung. Ich bin also doch ein Heiliger! Einer, durch den das Licht der Liebe Gottes hindurch scheint.

Frage: Wird das Licht aufhören zu scheinen, wenn das Fenster langsam verschmutzt? Wenn es aufgrund der Verschmutzung nicht mehr so hell und strahlend leuchtet? Also übertragen gefragt:

Wird Gottes Liebe für mich, also sein rechtfertigendes Handeln, aufhören,

wenn es mir nicht geling, mein Leben „gottgefällig“ zu leben? Wenn ich in der Heiligung scheitere? Deutliche Antwort: Nein!

Denn, um in dem Bild von den Heiligenfiguren in den Fenstern der Kirche zu bleiben: Gott selbst wird die Fenster, die Figuren, reinigen, damit das Licht weiter durchscheint. Gott selbst vergibt uns unsere Unzulänglichkeiten,

unsere verdunkelnden Seiten und Taten. Damit sein Licht, seine Liebe, seine Rechtfertigung weiter durch uns hindurch scheint.

Das geschieht in der Beichte, im Abendmahl, im Gebet.

Die Heiligung ist also weder die Voraussetzung der Rechtfertigung, noch eine nachfolgende Bedingung. Sondern sie ist allein die Folge der Rechtfertigung.

„Ich bin doch kein Heiliger!“

So habe ich geantwortet auf den verdeckten Verdacht, dass ein Pfarrer kein Bier trinkt.

Jetzt muss ich korrigieren:

„Ich bin doch ein Heiliger. Durchschienen von Gottes Licht.

Und darauf trinke ich auch gerne ein Bier.

Auf dass auch durch mich und mein Leben etwas von Gottes Liebe aufleuchtet.“

 

Benjamin Anwand