3.03.2016

Rechtfertigung als Beichte und Absolution

 Prof. Gilberto da Silva über die Rechtfertigung als Beichte und Absolution – ein Schlüsselthema der Reformation.

Wie der Reformator Martin Luther in der ersten seiner 95 Thesen von 1517 bereits andeutet, fußt die kirchliche Bedeutung der Buße auf dem neutestamentlichen Bußruf, der zunächst in die Missionssituation gehörte (griechische Wurzel metanoein mit der Bedeutung „den Sinn ändern, das Leben/Verhalten ändern, umkehren, Buße tun, sich bekehren“; vgl. Act 2,38; 8,22; 17,30; 26,20 usw.) und in Zusammenhang mit der Taufe stand bzw. als deren Voraussetzung galt. Ursprünglich stellte sich Buße dar als Gottes Angebot und Geschenk aufgrund des erlösenden Werkes Jesu Christi und zugleich Aufforderung an den Menschen zur Sinnes- und Lebensänderung als dem ersten Schritt zum Christentum bzw. in die christliche Gemeinde hinein. Mit der Bildung christlicher Gemeinden erweiterte sich dieser Zusammenhang im Sinne der Fragestellung, was mit denen geschieht, die trotz Taufe und Gemeindezugehörigkeit wieder gesündigt haben (vgl. 2Kor 7,9f). Hier griff die von Jesus Christus der Kirche verliehene Vollmacht zur Vergebung der Sünden oder deren Verweigerung in Form der sog. „Schlüsselgewalt“ ein, sodass die Beichte zu einer wichtigen kirchlichen Institution wurde. Mag die äußere Gestaltung der Beichte einer geschichtlichen Entwicklung unterliegen, gründet ihr eigentlicher Kern, der Zuspruch der Sündenvergebung, in Christi Auftrag und Stiftung.

Für Luther ist die Absolution das Kernstück der Beichte, denn er geht davon aus, dass Gott in seinem Wort die Lossprechung durch die Absolutionsworte des Amtsträgers wirkt (performativer Akt: das Wort Gottes wirkt das, was es sagt). Da Gottes Tat die Hauptsache ist, wird die Absolution durch den Amtsträger zum Wesen der Beichte. Für Luther wurde die Absolution durch die spätmittelalterliche Beichttheorie und –praxis verdeckt und verschwiegen. Man achtete auf die genugsame Reue, auf das vollständige Bekenntnis aller schweren Sünden sowie auf die genau berechnete Genugtuung und verkehrte dadurch den Evangeliumscharakter der Beichte ins Gesetzliche.

Die Reue ist zwar die Begegnung mit dem Gericht Gottes, das Erschrecken über die eigene Sünde, aber das höchste und wichtigste Wort muss das Evangelium, das dem Menschen die Gnade Gottes bedingungslos zuspricht, sein. Deswegen kann Luther im Großen Katechismus schreiben, „dass die Beichte zwei Teile umfasst. Der erste ist unser Werk und Tun, dass ich meine Sünde klage und begehre Unterstützung und belebende Stärkung für meine Seele. Der andere ist ein Werk, das Gott tut, der mich durch das Wort, das er dem Menschen in den Mund gelegt hat, von meinen Sünden freispricht […] Darum sollen wir die Sache so betrachten, dass wir die beiden Teile weit auseinanderhalten und unser Tun gering, aber Gottes Wort hoch und groß achten. Und wir sollen nicht darangehen, als wollten wir eine verdienstvolle Leistung erbringen und sie Gott schenken, sondern wir sollen nur von ihm nehmen und empfangen“ (Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, 6. Aufl., 2013, 640f).

„Unser Werk und Tun“ ist jedoch keine meritorische, d.h. „verdienstliche“ Liebe zu Gott, keine activa contritio („aktive Reue“), sondern eine passiva contritio („passive Reue“), verursacht durch den „Blitzstrahl Gottes“, den „Hammer“ seines Wortes, „der die Felsen zerschmettert“ (Jer 23,29), wie Luther es in den Schmalkaldischen Artikeln bildhaft und eindrucksvoll darstellt (Unser Glaube, 411f). Die wahre Reue ist also kein Menschenwerk, sondern Gottes Geschenk in seiner Gnade.

Was also in der Beichte geschieht, ist im Grunde genommen das Zusammenspiel von Gesetz und Evangelium als Gottes Wort bzw. seine beiden Handlungsweisen: „Wo das Gesetz aber ohne das Hinzufügen des Evangeliums allein dieser Aufgabe nachkommt, da sind der Tod und die Hölle. Und der Mensch muss wie Saul und Judas verzweifeln […] Andererseits gibt das Evangelium nicht auf eine Art Trost und Vergebung, sondern durch das Wort, das Sakrament und dergleichen.“ (Unser Glaube, 412). Luther kann auch von der Beichte als einer „christlichen Übung am Gesetz und Evangelium“ sprechen (Sendschreiben an die zu Frankfurt, 1533: WA, 30/III, 570, 7). Darüber hinaus gibt es auch eine „Genugtuung“ in der Beichte, doch sie ist nicht die vom Menschen zu leistende: „So kann auch die Genugtuung nicht ungewiss sein, denn sie besteht nicht in unserem ungewissen, sündlichen Werk, sondern im Leiden und Blut des unschuldigen ‚Lammes Gottes, das der Welt Sünde trägt‘ [Joh 1,29]“ (Unser Glaube, 418).

Diese Grundeinsicht bekannten die Evangelischen im Artikel 25 des in Augsburg 1530 vorgelegten Augsburger Bekenntnisses: „Dabei wird das einfache Volk unermüdlich darin unterwiesen, wie tröstlich das Wort der Lossprechung sei und wie hoch die Lossprechung zu achten sei, denn sie sei nicht die Stimme oder das Wort des gegenwärtigen Menschen, sondern Gottes Wort, der die Sünde vergibt. Denn sie wird an Gottes Statt und aus Gottes Befehl gesprochen“ (Unser Glaube, 75) Und am Ende des Artikels heißt es, dass die Beichte wegen der Absolution (Lossprechung) beibehalten werden soll (Unser Glaube, 77) Die Absolution als Wesen der Beichte ist Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnaden (sola gratia), um Christi willen (solus Christus), durch den Glauben (sola fide). Der Beichte folgen freilich die „Früchte der Buße“, die jedoch nicht konstitutiv zur Beichte gehören und selbstverständlich keinen meritorischen Charakter haben, wie es im Artikel 12 des Augsburgischen Bekenntnisses zu lesen ist: „Darauf soll auch eine Besserung folgen, dass man von den Sünden lasse; denn das sollen die Früchte der Buße sein, wie Johannes [der Täufer] sagt in Mt 3[,8]: ‚Wirkt rechtschaffene Früchte der Buße‘“ (Unser Glaube, 54).

Im Ausdruck „Rechtfertigung des Sünders“ steckt bereits die Vorstellung von Gottes Wort als Gesetz und Evangelium: das Gesetz deckt die Sünde auf und stellt den Sünder bloß; das Evangelium verkündigt ihm die Gnade Gottes in Form seiner Annahme durch den Glauben um Christi willen. Das sind auch die beiden Momente von Beichte und Absolution. Im Beichtsakrament geschieht exakt dies, denn als Vergebung der Sünden ist die Absolution Rechtfertigung des Sünders vor Gott. Somit ist der Komplex Beichte-Absolution Kernbotschaft bzw. Schlüsselthema der Reformation. Luthers Worte im Großen Katechismus verdeutlichen dies meisterhaft: „Und hier erkennst du, dass die Taufe mit ihrer Wirkung und ihrer Bedeutung auch das sogenannte dritte Sakrament, die Buße, einschließt, die eigentlich nichts anderes ist als die Taufe […] Also ist die Buße nichts anderes als eine Rückkehr und Wiederannäherung an die Taufe, womit man das wiederaufnimmt und fortsetzt, was man zuvor angefangen, aber unterbrochen hat“ (Unser Glaube, 623).

 

Prof. Dr. Gilberto da Silva, Oberursel