28.01.2016

GEBET – Meine Erfahrung mit dem Beten

von Hinrich Brandt, Pfarrer der Altlutherischen Gemeinde Greifswald (SELK)

1. Als Kind

Eine Familie, in der es normal ist, zum Gottesdienst in die Kirche zu gehen, zwei Omas zu haben, die mit einem für den kirchlichen Unterricht Lieder, Bibel- und Katechismustexte auswendig lernen, Eltern, die zu den Mahlzeiten beten und morgens Andacht halten mit Feste-Burg-Andachtskalender, Vaterunser und Segen, eine Mutter, die abends beim Zu-Bett-Gehen mit dir betet und dich auf diese liebevolle Weise beten lehrt – all das beschreibt den Rahmen, in dem ich aufwachsen durfte.

Meine erstes Kindergebet war: „Ich bin klein, mein Herz mach rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“ Unsere Mutter sang meist danach noch:

„Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude, und nimm dein Küchlein. Will Satan mich verschlingen,/ so lass die Englein singen: ‚Dies Kind soll unverletzet sein.’“ (ELKG 361,8).

Und: „(1) Müde bin ich geh zur Ruh, schließe meine Augen zu. Vater, lass die Augen dein über meinem Bette sein. (2) Hab ich Unrecht heut getan ,/ sieh es, lieber Gott, nicht an./ Deine Gnad und Christi Blut / macht ja allen Schaden gut. (3) Alle, die mir sind verwandt, / Gott, lass ruhn in deiner Hand; alle Menschen, groß und klein, sollen dir befohlen sein. (4) Kranken Herzen sende ruh, / nasse Augen schließe zu, / Gott im Himmel halte Wacht / über uns die ganze Nacht. “

Später betete sie noch mit uns: „Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, damit will ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Himmel werd eingehn.“ (ELKG 273,1). Diese Gebete und Liedstrophen haben sich tief in mein Herz und Gedächtnis eingeprägt.

Durch solche Erfahrungen und durch das Lesen der Kinderbibel bin ich im Glauben an Gott und den Heiland Jesus Christus aufgewachsen. Die Erinnerung an diese Erfahrungen vermittelt mir bis heute eine tiefe Geborgenheit, für die ich Gott, meinen Großeltern und Eltern und auch meiner Heimatgemeinde sehr dankbar bin.

2. Als Jugendlicher und Student

Wenn ich mich an meine Zeit als Jugendlicher und Student erinnere, fällt mir ein, wie ich für bestimmte Freunde und Verwandte betete, die dem christlichen Glauben zunehmend zweifelnd gegenüber standen. Diese Gebete verstummten leider irgendwann.

Wenn keiner mehr mit einem betet und du später ins Bett gehst, geschieht es allzu leicht, dass das Abendgebet leicht aus den Augen und aus dem Sinn kommt. Leibliche Müdigkeit kann geistliche Müdigkeit nach sich ziehen. Ich erinnere mich, dass mich Gottesdienst und Tischgebet fast durchgängig begleitet haben. Aber so manche Nacht schlief ich ein ohne Abendgebet. Und das viele Jahre hindurch.

Eine weitere Erinnerung: Es war, als ich ein Jahr im Ausland studierte, da wurde der Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln…“ mein Tröster. Zeiten der Einsamkeit deute ich heute als hilfreich, weil sie mir geholfen haben, mich nicht mehr auf andere Menschen oder nur auf mich zu fixieren, sondern wieder nach oben zu Gott hin und auf Christus zu schauen.

Was ich aber in meiner Zeit als Heranwachsender nicht gelernt habe, ist, außerhalb der Tischgebete eine regelmäßige Gebetszeit und eigene Zeit für Gott zu reservieren. Sporadische Versuche versiegten immer wieder.

 

3. Als Elternteil mit eigenen Kindern

Nicht nur Eltern und Großeltern helfen einem im Gebet zu bleiben und die Beziehung zu Gott zu pflegen, sondern auch die eigenen Kinder. Wenn du möchtest, dass sie die Chance bekommen sollen, in eine vertrauensvolle Beziehung zu Gott und dem Heiland Jesus Christus hineinzuwachsen, dann kommt wieder eine Regelmäßigkeit in dein Gebetsleben. Die Ehefrau und die Kinder verhelfen wieder zu einer morgendlichen Andachtszeit.

Alte und neue Gebete und Lieder kommen wieder über deine Lippen. Neu war für mich beim Abendgebet mit den Kindern die Entdeckung des Liedes „Abend ward, bald kommt die Nacht“ von Rudolf Alexander Schröder (ELKG 552).

 

4. Als Pastor, der Kinder unterrichtet

Im kirchlichen Unterricht an Kindern habe ich dann den Morgen- und Abendsegen Luthers schätzen gelernt. Heute ist der Morgensegen mein persönliches Morgengebet und der Abendsegen mein persönliches Abendgebet – beide jeweils mit persönlichen Gebetsanliegen. Morgen- und Abendsegen ermöglichen mir heute ein regelmäßiges persönliches Gebetsleben.

 

5. „Fünf Tage Weigersdorf“

Seit 2014 organisiere ich mit Pastoren und Theologiestudenten unserer Kirche „Fünf Tage Weigersdorf“ (FTW), eine kirchliche Veranstaltung für jüngere Erwachsene. Bei FTW arbeiten wir bewusst mit den liturgischen Tagzeitengebeten (Mette, Mittagsgebet, Vesper, Complet). In dieser Art und Weise des Betens bin ich nicht groß geworden. Als Student habe ich sie nicht geliebt. Selbst in den ersten Jahren im Pfarramt hatte ich noch keinen Zugang.

Heute – nach über 25 Jahren im kirchlichen Dienst – sehe ich das anders. Bei FTW erfahre ich diese alte Gebetsweise als eine Hilfe, wo ich nicht machen muss, wo ich mich einfach hinnehmen lassen darf in das gemeinsame Gebet. Zugleich gestehe ich, dass es mir nicht gelingt, die Tagzeitengebete in mein alltägliches Leben zu integrieren. Umso mehr freue ich mich auf das nächste Treffen von FTW.

 

Schlusswort

Wenn man über das Beten etwas schreiben soll und es auch tut, dann ist mir immer wieder der Gedanke gekommen: Beten – das ist eigentlich nicht etwas, über das man spricht oder schreibt, sondern das getan sein will. Erfahrungen mit dem Beten machen wir nur, indem wir beten. Die Gefahr ist, zu vergessen, dass wir dort, wo wir beten, mit dem Höchsten sprechen.

Beten ist nicht immer leicht. Gerade in Zeiten, wo es mir (zu) gut geht, stehe ich in der Gefahr, Gott zu vergessen. Wo ich bete, da vergesse ich Gott nicht.