23.11.2015

„Riechst Du den Braten?“

Den „kleinen Bruder“ kennen die meisten lutherischen Christen, doch bei Luthers „Großem Katechismus“ müssen die meisten passen. Schade eigentlich! Denn das Büchlein ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch erstaunlich aktuell. Ein Streifzug durch die Erklärungen zu den „Zehn Geboten“.

Ein Menschenkenner war Martin Luther ohne Frage, nicht zuletzt weil er „dem Volke aufs Maul“ schaute. Doch wer in seinen Erklärungen zu den Geboten stöbert, kann leicht den Eindruck gewinnen, der Reformator habe auch in die Herzen seiner Zeitgenossen geblickt. Und – erstaunlich oder nicht – viel hat sich nicht geändert an der menschlichen Natur. So kommt es, dass man sich regelrecht ertappt fühlt, wenn man im „Großen Katechismus“ den Untiefen der Seele nachspürt.

Dass kein gottgefälliges Leben führen kann, wer seine Eltern verachtet, legt Luther mit drastischen Worten dar: „Willst du nun nicht Vater und Mutter gehorchen und dich erziehen lassen, so gehorche dem Henker; gehorchst du dem nicht, so gehorche dem Tod. Denn das will Gott haben: Entweder du gehorchst ihm und bist bereit, ihm und dem Menschen aus Liebe zu dienen, dann wird er es dir überschwänglich vergelten mit allem Guten; oder aber du erzürnst ihn, dann wird er dir beides schicken, den Tod und den Henker.“

Auch der Egoismus, den viele Menschen in unserer Zeit beklagen, nahm Luther schon vor 500 Jahren aufs Korn: „Was meinst du wohl, warum jetzt die Welt so voller Untreue und Schandtaten, Jammer und Morden ist? Weil jeder sein eigener Herr sein will und keiner einen andern über sich haben will; und weil keiner auf den andern Rücksicht nimmt, sondern nur tut, wozu er Lust hat.“ Doch bevor der Leser sich zustimmend zurücklehnt, und über den Eigennutz der Anderen jammert, legt der Reformator nach. Keine Chance für Selbstgerechtigkeit: „Wir fühlen unser Unglück wohl, murren und klagen über Untreue, Gewalttätigkeit und Unrecht, wollen aber nicht sehen, dass wir selber böse Buben sind, die Strafe reichlich verdient haben und um nichts besser sind.“

Wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen sollen, wird im Großen Katechismus ebenfalls wesentlich deutlicher ausgelegt, als in den knappen Erklärungen des Kleinen. „Wenn du nun einen Nackten gehen lässt und hättest ihn kleiden können, dann hast du ihn erfrieren lassen. Siehst du jemand Hunger leiden und speist ihn nicht, dann lässt du ihn verhungern.“ Klare Worte, die auch noch heute aktuell sind. Das gilt auch für das 7. Gebot, wo Luther dem Leser keinen Raum lässt, sich aus der Verantwortung zu … stehlen. „So, um es für jedermann ein wenig deutlicher zu sagen (damit man sehe, wie „rechtschaffen“ wir doch sind): Wenn z. B. Angestellte nicht treu ihre Arbeit tun, sondern Schaden anrichten oder geschehen lassen, obgleich sie ihn hätten verhindern können; oder wenn sie aus Faulheit oder Bosheit das, was ihnen anvertraut ist, verwahrlosen lassen und sich nicht darum kümmern…“, dann sieht Luther damit das 7. Gebot verletzt. „… dazu gehört auch, dass man in Handelsgeschäften den eigenen Vorteil auf Kosten des andern sucht.“ Man muss nicht lange nachdenken, um dabei auf Themen wie „Lebensmittelspekulation“ zu kommen, wo um des reinen Profits willen mit unverzichtbaren Ressourcen spekuliert wird – egal, was das vielleicht für die Hungernden in der Welt bedeuten mag. „Das ist ein so weit verbreitetes allgemeines Laster, dass man es schon gar nicht mehr als Laster ansieht und beachtet, so sehr hat es überhand genommen. Wenn man sie alle an den Galgen hängen wollte, die in Wahrheit Diebe sind und doch keine sein wollen, würde die Welt bald menschenleer sein, und es würde an Henkern und Galgen fehlen.

In den Ausführungen zum 8. Gebot mahnt Martin Luther, selbst überaus „scharfzüngig“, einen weisen Gebrauch der Zunge an: „Denn es gibt nichts am ganzen Menschen und in ihm, das mehr Gutes schaffen und zugleich Schaden wirken kann als die Zunge, sowohl in geistlichen als auch in weltlichen Dingen, obgleich doch die Zunge das kleinste und schwächste Glied ist.“ Denn Luther macht nochmals klar, dass er dieses Gebot nicht auf die Formel „Du sollst nicht lügen“ verkürzt sehen will. Auch der böswillige Tratsch, wie wir ihn heute in den Nachmittags-Talkshows und den bunten Blättchen beim Friseur lesen. „Das nennt man nun üble Nachrede, wenn Menschen es bei dem Wissen um die Sünde des andern nicht bleiben lassen, sondern hingehen und dem Urteil vorgreifen und, wenn sie etwas von dem andern wissen, es in alle Winkel tragen und eine Freude daran finden, im Schmutz eines andern zu wühlen wie eine Sau, die sich im Dreck wälzt und mit ihrem Rüssel darin herumwühlt. … Sagst du aber: Soll ichs denn nicht sagen, wenn es die Wahrheit ist? Antwort: Warum bringst du es dann nicht vor den ordentlichen Richter? Ja, ich kann es nicht öffentlich bezeugen. Man möchte mir vielleicht über den Mund fahren und mich schändlich abweisen. Ja, mein Lieber, riechst du den Braten? Merkst du etwas? Wenn du dich nicht traust, vor den dazu verordneten Personen zu stehen und eine Sache zu verantworten, dann halte den Mund.“

Es ist erstaunlich, wie treffend Luthers Ausführungen auch unsere Lebenswelt beschreiben. Mühelos lassen sich Parallelen in unsere Zeit erkennen, denn trotz Twitter und Facebook ist im Grunde offenbar alles beim Alten geblieben mit der menschlichen Lust am „bösen Leumund“ und „Afterreden“, wie es in älteren Fassungen des Kleinen Katechismus heißt. Und dass der Mensch seit je mit Gier auf des Nachbarn Häuschen blickt und fremdes Eigentum „mit einem Schein des Rechts“ an sich bringen möchte, formuliert Martin Luther ebenfalls sehr zeitgemäß: „Sie suchen und ersinnen schlaue Kniffe und üble Tricks (wie das heute gang und gäbe ist), und bemühen noch das Recht dazu und wagen es, sich vor uns kühn darauf zu berufen und darauf zu pochen. Und sie wollen das alles nicht Bosheit, sondern Gescheitheit und Klugheit genannt haben. Dabei helfen auch die Juristen und die Anwälte mit, die das Recht verdrehen und dehnen, wie es der Sache am besten dient…“

Kommt uns bekannt vor oder? Vielleicht lohnt der Blick in die weiteren Texte des Großen Katechismus, der nicht ohne Grund auch in der SELK zu den Bekenntnistexten gehört. Wer einen Blick riskieren mag, findet das Büchlein als kostenlosen PDF-Download hier.

Erik Braunreuther