11.07.2015

Mit Luthers Katechismus durch das „Vaterunser“

Das „Vaterunser“ ist das wichtigste Gebet der Christenheit und verbindet Konfessionen wie kein zweites. Mit Hilfe von Martin Luthers „Großer Katechismus“ hat Doris Michel-Schmidt sich auf eine „Schatzsuche“ in den Worten des Gebtes Christi gemacht. (Teil 1)

Die erste Bitte: Geheiligt werde dein Name

Dem Namen Gottes gebührt Lob und Ehre und Anbetung: Auf den ersten Blick für jeden Gläubigen eine selbstverständliche Feststellung. Ja, Gott ist heilig, er soll gelobt, geehrt und angebetet werden. Genauer: sein Name soll geheiligt werden. Als „Vater“, den wir mit „Du“ direkt ansprechen können, offenbart ihn das Gebet. Geheiligt werde der Name unseres himmlischen Vaters. Das ist dann schon keine Selbstverständlichkeit mehr. Weil Gott damit persönlich wird. Viel zu leicht missachten wir diesen, seinen Namen, ignorieren ihn, machen ihn lächerlich, lassen ihn als Vater dastehen, dessen Kinder ihn nicht mehr für voll nehmen. Nicht nur durch unser Verhalten wird sein Name entehrt, auch durch „falsche Lehre“, sagt Luther: „…wenn man unter Gottes Namen etwas predigt, lehrt oder redet, was doch falsch und verführerisch ist, so dass sein Name die Lügen schmücken und verkaufen muss.“ „Im Namen Gottes“, im Namen unseres Vaters im Himmel soll nichts gepredigt werden, was „unser Evangelium und unsre reine Lehre anficht, verfolgt und dämpfen will“. Die „reine Lehre“ – was wird darum gestritten unter den Theologen! Gern auch behauptet, die Wahrheit gebe es gar nicht, und die Vielfalt in allen – auch religiösen – Dingen als das unserer Zeit und Welt Angemessene gepriesen, „so dass sein Name die Lügen schmücken und verkaufen muss.“ Dass wir im Glauben seinem Wort gehorchen, darum bitten wir: Geheiligt werde dein Name.

 

Die zweite Bitte: Dein Reich komme

Welche Sehnsucht spricht aus dieser Bitte! Es möge ein Ende haben – mit all dem Streit, den Kriegen, dem Hunger, dem Elend, der Angst in dieser Welt. Dein Reich komme! Auf dass wir erlöst werden. Aber das ist nur die eine Seite, lehrt Luther. Gottes Reich kommt auch schon hier in dieser Welt: „durch das Wort und den Glauben“. Genau darum hat Gott seinen Sohn, Jesus Christus, in diese Welt geschickt, „damit er uns von der Gewalt des Teufels erlöse und freimache und uns zu sich bringe und regiere als ein König der Gerechtigkeit, des Lebens und der Seligkeit“, sagt Luther. Ja, wir haben unseren Herrn doch bei uns, er regiert doch als König. Wir haben doch den Heiligen Geist, der durch Gottes Wort Glauben entfacht und stärkt. Wirklich? Gottes Reich – jetzt, hier? Ja, wir sind erlöst und doch noch immer bedroht, wir sind frei und doch vom Tod geängstigt. Wir können die Nähe Gottes finden und sind doch immer wieder versucht, ihn zu verlassen. Und wie viele wollen erst gar nichts wissen von diesem König und seinem Reich. Bestreiten seinen Herrschaftsanspruch – und seine Allmacht sowieso. Ein „König der Gerechtigkeit, des Lebens und der Seligkeit“, wie Luther schreibt? Dann müsste die Welt anders aussehen und die Christen fröhlicher? Ja, stimmt. Deshalb bitten wir um nichts Geringeres: Dein Reich komme zu allen, die noch nicht darinnen sind. Und es komme immer neu zu uns, die wir es schon kennen, damit es weiter wachse und stark werde. Hier, jetzt und in Ewigkeit.

 

Die dritte Bitte: Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

Wenn Gott unser Herz berührt hat, wir ihm vertrauen und bei ihm bleiben wollen – wird dann nicht alles ganz leicht und der Weg klar und die Bitte „dein Wille geschehe“ selbstverständlich? Nein, im Gegenteil: „Wir werden deswegen viele Stöße und Püffe erleiden müssen“, sagt Luther. Nicht weil Gott uns auf die Probe stellen würde, uns hier mal einen Stoß versetzt und dort einen Schlag zufügt, um zu sehen, ob wir standhalten. Sondern weil das jene Kräfte tun, die es nicht ertragen, dass es nach Gottes Willen gehen soll. „Niemand glaubt ja, wie sich der Teufel dem zuwidersetzt und sperrt“, warnt Luther. Heute glaubt man das noch weniger als zu seiner Zeit. Wie erkenne ich Gottes Willen? Wie entlarve ich die „Lügen und Greuel, die unter dem schönsten Schein göttlichen Namens geehrt“ werden?

Wenn wir ins Wanken geraten, ins Zweifeln, weil doch so vieles uns zusetzt und scheinbar so gar nicht Gottes Wille sein kann, dann brauchen wir diese „unüberwindliche Schutzmauer“ des Gebets – Dein Wille geschehe! – gegen „den Teufel mit all seinem Anhang“. „Dieses Gebet soll nun jetzt unser Schutz und Wehr sein …“, sagt Luther. Ob wir dem Gebet diese Kraft noch zutrauen?

Darauf vertrauen – und darum bitten –, dass diese „Mauer“ standhalten und mich in meinen Kämpfen beschützen wird, darauf vertrauen, dass Gott mich wirklich liebt und bei sich haben will, das ist vielleicht das Schwerste im Glauben: „fest dabeibleiben und diesen Willen Gottes uns gefallen lassen.“

Doris Michel-Schmidt