20.02.2015

Gebrauchsanleitung für das Bekenntnis

Bischof Hans-Jörg Voigt klärt an einem praktischen Beispiel, in welchem Verhältnis das Bekenntnis der Kirche zur Heilige Schrift steht.

In meiner Familie wird gern und viel gewandert. Dabei geht zwischen uns so ein Spruch: „Am Schönsten wird es, wenn wir uns richtig verlaufen haben.“ Meine Frau allerdings kann diesen Spruch nicht mehr gut hören, weil es ihr nicht egal ist, am Ende eines Tages noch einmal eine Stunde länger laufen zu müssen. So kommt es vor, dass wir an einer Weggabelung stehen, und jeder hat seine Wanderkarte in der Hand und manchmal ist es kniffelig. Der Weg der nach oben führt ist nur noch ein schmaler Pfad. Stimmt die Himmelsrichtung und passt der aufsteigende Weg auch zu den Höhenlinien auf der Karte?

 

Bekenntnisse sind wie eine Wanderkarte

In diesem Jahr setzen wir uns auf unserem Weg zum Jahr 2017 mit den Bekenntnissen unserer lutherischen Kirche auseinander. Und dabei stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis die Bekenntnisschriften unserer Kirche zur Heiligen Schrift, der Bibel, stehen. Die Bekenntnisse verhalten sich zur Heiligen Schrift und dem Glaubensleben wie eine Wanderkarte zur Wirklichkeit der Natur. Die Landschaft, die reale Natur entspricht in diesem Vergleich der Heiligen Schrift. Gottes Offenbarung an uns Menschen ist unendlich reich, detailliert und vielfältig. Und es ist schön, sich darin zu bewegen. Manchmal braucht es auch etwas Übung.

Die Bekenntnisse sind wie eine Wanderkarte. Sie ist unverzichtbar, wenn man sich nicht zu sehr verlaufen will und was man beim Wandern noch sportlich nehmen mag, kann in der Realität des Glaubenslebens schlimme Folgen haben. Eine Wanderkarte ermöglicht es, die Wege vorher zu sehen und das Ziel zu bestimmen. Sie ermöglicht die Übersicht und gibt Orientierung. Aber eine solche Karte ersetzt nicht die reale Landschaft.

 

Ich glaube nicht alleine

Unsere Wanderungen unternehmen wir nie allein. In Gesellschaft macht es viel mehr Freude. Auf einem Wanderweg grüßt man plötzlich die Leute, denen man begegnet. Das würde man in der Stadt nie tun. Die Wanderkarte in der Hand macht auch deutlich, dass da andere vor uns gewesen sein müssen, die vermessen und kartiert haben.

Auf unseren Glaubenswegen in Gottes Ewigkeit sind wir auch nicht allein unterwegs. Der Leib Christi, wie der Epheserbrief die Kirche nennt, besteht aus vielen Gliedern. Vor uns haben Christen gelebt und haben sich in der „Landschaft“ des Glaubens orientiert. Die Bekenntnisse tragen diese Glaubens- und Forschungserfahrungen in sich. Da ist zum Beispiel die Frage nach dem freien Willen. Der Einsteiger beim Glaubenswandern würde spontan sagen: „Klar ist der Wille frei. Ich habe mich doch auch entschieden, zu glauben.“ Schaut man dann aber auf die Glaubenskarte des Katechismus, so heißt es da: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus meinen Herrn glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet…“

Zunächst kann man ja mal davon ausgehen, dass die Kartenmacher des Glaubens sich nicht geirrt haben mit dieser Aussage. An der realen Landschaft der Heiligen Schrift wird sich das zeigen. Und darin ist die Heilige Schrift tatsächlich sehr klar, dass wir zu unserem Heil nichts beitragen können aus eigenem Willen. „So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.“, so schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom (Römer 9,16).

 

Ich kann mich irren mit meiner Erkenntnis

Wenn wir auf Familienwandertour sind, kommt es schon mal vor, dass es an einer Weggabelung längere Diskussionen gibt, die dann mit einem „Du wirst schon sehen, was du davon hast!“  enden. Allerdingst schwingt da immer ein humoriger Unterton mit, denn wir wissen, dass dies eigentlich eine unsinnige Lebenshaltung ist. Denn wer sich nicht mehr korrigieren lässt, hat ein ungleich höheres Risiko, in die Irre zu laufen.

So ist es auch im Glaubensleben: Die Erfahrung der Kirche, wie sie in den Bekenntnissen aufgeschrieben sind, verdienen unser Vertrauen, weil sie sich bewährt haben. Unzählige Glaubenswanderer vor uns sind damit schon an das Ziel ihres Lebens gelangt. Auch das Zeugnis der Schwestern und Brüder, die mit mir zur gleichen Zeit wandern ist vertrauenswürdig. Manchmal gibt es aber auch Punkte im Leben, an denen ich einsam bekennen muss. Dann aber brauche ich „gute Karten“ – um es in unserem Vergleich auszudrücken.

 

Die Karte ist nicht die Wirklichkeit

Es soll auch Menschen geben, die sich begnügen sich mit dem Kartenstudium. Sie sitzen zu Hause an ihrem Schreibtisch und studieren die Karten und diskutieren darüber, wo man sich überall verlaufen könnte. Solche Leute haben absolut immer recht, weil man mit dem Finger auf der Wanderkarte keine Fehler machen kann.

Im Glaubensleben gibt es das auch: Gelehrte, die nur noch mit dem Bekenntnis hantieren, ohne auf den Gedanken zu kommen, dies an der Wirklichkeit der Heiligen Schrift und im Glaubensleben der Kirche zu erproben. Solche Leute meinen auch, immer recht zu haben. Glaubenswandern aber funktioniert anders: Da steht man mitten in der Landschaft. Wind, Sonne und Regen schlagen einem um die Ohren. Die zerfledderte Karte hat man in der Hand und die Wirklichkeit der Heiligen Schrift und des Glaubens unter den Füßen. Der Blick geht auf die Karte zurück in die Wirklichkeit und wieder auf die Karte und wieder in die Wirklichkeit bis der Weg klar ist – der Weg, nicht die Karte!

 

Es gibt auch unvollständige Karten

Vor einiger Zeit es mir das passiert, dass eine Wanderkarte plötzlich einen leeren Fleck zeigte und die Wege merkwürdig verzerrt dargestellt waren. An einem Stacheldrahtzaun wurde dann die Ursache klar: „Militärisches Sperrgebiet“ konnten wir lesen. Da hatte jemand ein Interesse, Wanderer auf einen anderen Weg zu bringen.

Im Glaubensleben unterstreicht dieses Beispiel wie wichtig der Wirklichkeits-Check ist. Die Bekenntnisse der Kirche müssen sich erweisen an der Heiligen Schrift. erweisen. In jedem Fall aber ist es ein lohnender Weg der uns ans Ziel der Ewigkeit bringen will.

Hans-Jörg Voigt

 

Dieser Text steht auch als PDF zum Download bereit: Gebrauchsanleitung Bekenntnis – Voigt

 

Anregungen für eine Gemeindeveranstaltung

 

-Das Beispiel von Wanderkarte und der Wirklichkeit der Landschaft lässt sich leicht veranschaulichen.

 

– Mit manchen Gruppen könnte solch ein Thema auf einer tatsächlichen Wandertour mit einer oder mehreren verschiedenen Wanderkarten erarbeiten.

 

-Die Metapher des Weges taucht häufig in der Heiligen Schrift auf:

 

Psalm 119,105  “Dein Wort ist meines Fußes Leuchte

und ein Licht auf meinem Wege.“

 

Jesaja 48,17-18: „So spricht der Herr, dein Erlöser, der Heilige Israels: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich lehrt, was dir hilft, und dich leitet auf dem Wege, den du gehst.O dass du auf meine Gebote gemerkt hättest, so würde dein Friede sein wie ein Wasserstrom und deine Gerechtigkeit wie Meereswellen.“

 

Johannes 14,6: „Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; aniemand kommt zum Vater denn durch mich.“



a Kap10,9; Mt 11,27; Röm 5,1-2; Hebr 10,20