8.12.2014

Bekennen im Alltag

Dr. Andrea Grünhagen sucht und findet Beispiele im Alltag, an denen wir unsere Bekenntnisse leben können.

„ Wir sind eine lutherische Bekenntniskirche und als Teil des weltweiten konfessionellen Luthertums bekennen wir uns …“ Uups! Was für ein Wortungetüm ist mir denn da in die Feder geflossen? Wer soll sich bitte darunter etwas vorstellen können? Bisschen viel Bekenntnis, solche Aussagen! Dabei ist Bekenntnis ja ein merkwürdiges Wort. Die meisten Menschen können sich noch etwas darunter vorstellen, aber es verschwindet aus dem aktiven Sprachgebrauch. Doch es kommt auch im Alltag  vor.

Nehmen wir zum Beispiel die Familie. „Schatz, ich muss dir was bekennen“, das lässt nichts Gutes erahnen. „Er muss sich zu dem Kind bekennen.“ Auch nicht viel besser …“ „Sie hat sich nun endlich zu ihren Gefühlen bekannt.“ Ob das gut oder schlecht ist, hängt von den Gefühlen ab. „Wir bekennen uns zueinander.“ Das ist gut.

Etwas bekennen oder sich zu etwas bekennen hat in diesen Fällen die Bedeutung: zu etwas stehen. Die Verantwortung für etwas übernehmen. Eine Wahrheit aussprechen. Eine Tatsache nach außen hin klarstellen. Eine verbindliche Erklärung abgeben.

Eigentlich kein Wunder, dass man dieses Wort nicht andauernd gebraucht. Vielleicht sind wir im Deutschen auch misstrauisch geworden gegen über solch großen Worten. Gelöbnis wäre ein anders Beispiel dafür.

Vielleicht hat aber auch die Sache einfach gerade keine Konjunktur. Wenn ich zu etwas stehe, sogar etwas eingestehe, wenn ich verbindliche Aussagen mache, dann lege ich mich ja fest. Dann kann man mich darauf nachher auch festnageln. Dann komme ich aus dieser Nummer nicht mehr raus.

Viele Menschen haben nichts mehr, was ihnen das wert wäre. Weil irgendwie alles relativ ist. Weil es Angst macht, sich festzulegen. Weil sich jederzeit das Gegenteil herausstellen könnte. Weil ich mich damit um Kopf und Kragen reden könnte. Weil ich mir selber gar nicht sicher bin.

Und trotzdem heiraten Menschen. Trotzdem gründen sie eine Familie. Das geht nicht ohne das Bekenntnis zueinander. Da muss man verbindlich sagen, was jetzt Sache ist. Da muss man zu einem konkreten Menschen und den eigenen Gefühlen stehen. Da muss man Verantwortung übernehmen. Bei einer Familie gehört es also dazu, auch wenn es nicht so genannt wird.

Eigentlich gar nicht so fremd, das „Bekennen“. In der Kirche reden wir auch von Bekenntnis und meinen etwas ganz Ähnliches. Wenn wir sagen, wir haben ein Bekenntnis, meinen wir: Wir haben einen Glauben, eine Überzeugung, die wir verbindlich erklärt haben. Wir können aussprechen, was wir glauben. Wir stellen klar, was wir für wahr halten und was nicht. Wir haben etwas, zu dem wir stehen, heute und morgen und immer. Wir übernehmen für unseren Glauben – und das ist ja unsere Beziehung zu Gott – Verantwortung.

Das tun wir, auch wenn wir Angst haben, uns festzulegen. Das tun wir, auch wenn wir oft zweifeln, ob nicht alles ganz anders und Gottes Wahrheit und Liebe nur relativ sind. Wir tun es, auch wenn wir dadurch Nachteile haben. Wir tun es, auch wenn wir uns dann an dem messen lassen müssen. Wir stehen mit dem, was wir sind und haben, für das, was wir glauben.

Wahrscheinlich wird uns weder als Kirche noch persönlich jemand dafür Beifall klatschen. Es geht auch nicht darum, wie toll wir sind und wie schlecht die anderen. Luthers „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ bedeutet ja nicht: „Guckt mal: ich.“, sondern er konnte wirklich nicht anders.

Konfirmanden erkläre ich gern anhand des Lutherfilms, was ein Bekenntnis haben heißt. Da knien sich die Fürsten auf dem Reichstag zu Augsburg hin vor den Kaiser, als sie ihr Bekenntnis, die Confessio Augustana, übergeben haben, entblößen den Nacken und sagen: „Los, schlag zu. Aber dazu stehen wir.“ Das ist so nicht historisch, macht aber deutlich, was beim „Bekennen“ passiert. Mein Glaube ist mir so viel wert, dass ich mir dafür den Kopf abschlagen lasse, wenn es sein muss.

In den Augen der meisten Menschen ist das einfach nur dumm. Oder gar anmaßend. Denn eins ist klar, Menschen bekennen sich zu allem möglichen, gerne auch im Internet. Manchmal auch zu Dingen, die man sogar am liebsten gar nicht wissen möchte. Aber immer mit der Voraussetzung, dass das selbstverständlich nur ihre persönliche Meinung oder Vorliebe ist und jeder natürlich frei ist, es anders zu sehen oder zu machen. Dann kann das Gesagte so schräg sein wie es will. Und es kann ja auch morgen schon wieder ganz anders sein. Das heißt, es gibt immer nur individuelle Wahrheiten. Inhalte sind relativ.

Das kann man finden wie man will, aber wir erscheinen vielen Menschen wahrscheinlich mehr als schräg mit dem Reden von einem „Bekenntnis“.

Warum tun wir es trotzdem? Weil Glaube Inhalt braucht bzw. immer schon hat. Es ist also gar nicht die Frage, ob man ein Bekenntnis hat, sondern welches. Mit der Liebe ist es ja auch so. Man liebt  nicht allgemein irgendjemanden, sondern man liebt jemanden ganz bestimmten und kann über ihn und die Beziehung zu ihm etwas aussagen. An Gott glaubt man eben auch nicht allgemein irgendwie, sondern man kann zutreffende Aussagen über ihn und über sein Verhältnis zu uns machen.

„Es sind aber ganz schön viele Dinge, die man dazu offenbar sagen kann, wenn die Bekenntnisschriften so ein dickes Buch sind. Da darf man doch von einem einzelnen Gemeindeglied nicht verlangen, dass es das alles genau weiß und erklären kann. Man hat ja schließlich auch sonst noch etwas zu tun.“ Das wird oft so gesagt. Und es stimmt ja auch. Allerdings könnte man dieses dicke Buch ja auch als Hilfe für sich begreifen. Manche Fragen lassen sich damit ziemlich schnell klären. Es ist eine Hilfe zur eigenen Sprachfähigkeit. Man muss nicht alles lesen und lateinische Fachbegriffe pauken, außer man studiert Theologie. Dann muss man das unbedingt. Aber man kann ja mal mit dem kleinen Katechismus anfangen, dann den Großen, dann das Augsburgische Bekenntnis …

Es ist etwas Großes, wenn eine Kirche mit ihren Bekenntnisschriften sagen kann: „Wir glauben, lehren und bekennen …“ statt „Wenn es für dich so stimmt, könnte Gott möglicherweise so oder so sein. Vielleicht aber auch nicht.“ Man sagt ja auch „Ich liebe dich“ und nicht „Angesichts meiner relativen Bindungsunfähigkeit und den zeitbedingten Veränderungen liebe ich dich möglicherweise, wenn es dir so recht wäre.“ Na also. Bekenntnis ist toll.

Dr. Andrea Grünhagen

 

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