5.11.2013

Kirche für die Welt

Zum Jahresthema „Kirche – Werkstatt des Heiligen Geistes“ ein Interview mit Missionsdirektor Roger Zieger. 

 Wie kann man in der heutigen „globalisierten“ Welt den Missionsbefehl Jesu, „Gehet hin in alle Welt…“ verstehen und erfüllen?

Die Globalisierung bringt sowohl Chancen als auch Probleme mit sich. Zum einen eröffnen moderne Kommunikations- und Transportmittel neue Möglichkeiten, zum anderen bekommt der Begriff „Imperialismus“ eine neue Bedeutung auf dem Gebiet des Konsums und der Alltagskultur.

Der Auftrag „gehet hin in alle Welt…“ gilt meiner Meinung nach den Christen aller Zeiten. Alle Menschen, die durch die Mission Gottes in Jesus Christus erreicht werden, sind von diesem Moment an Teil dieser Mission. Immer, wenn wir in die Welt gehen, gehen er und seine Mission mit uns. Fraglich ist, wie die Christen das reflektieren und ob sie es in ihrem Handeln bedenken. Nachrichten von positiven wie negativen Geschehnissen verbreiten sich in unserer Zeit erheblich schneller und weiter. Mission und (noch mehr) die Kirche müssen sich dieser Tatsache stellen und lernen, sie sich zunutze zu machen, um von passiv Erfahrenden zu aktiv Handelnden zu werden.

Diesem Auftrag steht heute die weit verbreitete Meinung gegenüber, die Religionen sollten sich gegenseitig respektieren und nicht missionieren. Warum haben viele eine so große Scheu, zu bekennen, dass Christus allein der Weg ist?

Ich denke, der Hintergrund dieser Scheu hat u.a. seine Wurzel in der gedanklichen Verbindung der Mission mit dem Kolonialismus. Es ist nicht zu leugnen, dass es in der Vergangenheit einen solchen Zusammenhang gegeben hat. Da die Kolonialgeschichte als negativ gesehen und die Mission als Handlanger des Kolonialismus bewertet wird, fällt vielen eine positive Sicht der Mission schwer.

Ein weiterer Faktor ist die romantische, aber falsche Vorstellung, dass die Menschen, z.B. in Afrika oder Indien, vor dem Kontakt mit dem christlichen Glauben, als „edle Wilde“ in perfekt funktionierenden sozialen Systemen gelebt hätten.

Die von Ihnen angesprochene Meinung, „die Religionen sollten sich gegenseitig respektieren und nicht missionieren“, ist für mich ein weiteres Beispiel westlich- kolonialistischer Denkweise, mit der man sich im säkularen Westen gern über die Religionen erhebt. Die Meinung ist, etwas karikierend gesagt: „Die Religionen sollen sich vertragen und ansonsten die Welt in Ruhe lassen, denn die kommt ganz gut ohne sie aus.“ In anderen Punkten wird es dann als selbstverständlich vorausgesetzt, dass die eigene Position natürlich übernommen werden muss.

Es ist selbstverständlich, dass sich die Angehörigen verschiedener Religionen mit Respekt begegnen sollten. Das heißt aber nicht, dass ich die Überzeugungen des Anderen uneingeschränkt für richtig halten müsste. Mehr noch, die Überzeugung, dass Jesus Christus das Heil der Welt ist und auch für mein Gegenüber Freiheit und Liebe bereithält, bringt mich dazu, mit ihm darüber zu reden. Es gibt einen Unterschied zwischen Toleranz und Indifferenz.

Wie sieht Ihr Traum einer missionarischen Kirche im 21. Jahrhundert aus?

Alle Christen nehmen teil an der Mission Gottes indem sie leben, was sie sind.

Ist Mission heute nur noch über diakonisches Engagement möglich? Oft wird Mission und Diakonie mittlerweile nicht mehr unterschieden.

Sicher gibt es auch andere Wege. Ich weiß von Menschen, die zu Christus gefunden haben, weil ihnen die Bekenntnisschriften in die Hände gefallen sind (im Ernst, ich kenne wirklich zwei, bei denen das so gelaufen ist). Auf der anderen Seite kenne ich eine erheblich größere Menge von Menschen, deren erster Kontakt zur Kirche, zur Mission Gottes, über diakonische Aktionen stattgefunden hat. Im diakonischen Handeln nehmen wir Teil an der Mission Gottes an die Menschen. Mission und Diakonie sollten Hand in Hand arbeiten.

Gott selbst sorgt durch sein Wort für die Ausbreitung seiner Botschaft. Trauen wir Gott das nicht mehr zu?

Gott bedient sich zur Ausbreitung seiner Botschaft bestimmter Mittel. Das Mittel, das er sich dafür ausgesucht hat, sind die, die er zuvor mit seiner Botschaft erreicht hat und die nun mit ihm leben und von ihm in Wort und Tat erzählen. Wenn seine Botschaft sich ausbreitet, dann geschieht das in und durch sein Tun. Weil wir ihm das zutrauen, nehmen wir teil an der Ausbreitung des Evangeliums.

Andererseits: Die Hände in den Schoß legen geht auch nicht. Was können, was müssen wir tun?

Das weitergeben, was wir von ihm empfangen haben. Den Menschen zeigen und erzählen, dass sie in Christus frei von allen Ketten neu leben können.

Für mich habe ich diese Botschaft in einen Satz gefasst: Gott liebt mich, obwohl er mich kennt; und mit ihm brauche ich nicht zu bleiben wie ich bin.

Es gibt viele, viele Menschen, die dies nicht wissen, die entweder nie von Jesus Christus gehört oder nur ein Zerrbild vermittelt bekommen haben. Wer für sich erfahren hat, was Christus für ihn getan hat, wird nicht anders können als diese Erfahrung weiterzugeben. Selbst wenn sie scheinbar nichts Besonderes tun, sind Christen doch immer Christen und Christus wirkt durch sie.

Wir können die besonderen Gaben, die wir von Gott empfangen haben, benutzen – in unseren Gemeinden, in der Mission, in Deutschland und in der Welt.

 

Dieses Interview steht als PDF zum Download bereit: Interview Zieger – Kirche für die Welt