5.11.2013

Diakonie als Lebensäußerung der Kirche

„Mission und Diakonie sind (…) durch den Auftrag Gottes geforderte Lebensäußerungen der Kirche und ihrer Gemeinden.“, heißt es in der Grundordnung der Selbstständigen evangelisch lutherischen Kirche (SELK). Diakoniedirektorin Barbara Hauschild erklärt, weshalb das auch gut und wichtig ist.

Ein hoher Anspruch: Diakonie ist von Gott gefordert – als Lebensäußerung, an der man ablesen kann, wie es um die Gesundheit und Vitalität der Kirche steht…

Ein wenig bedrohlich vielleicht, der Aspekt der Forderung? Aber auch: wie schön, dass Diakonie in unserer Kirche so hoch angesetzt wird.

Tatsächlich habe ich eher den Eindruck, dass die Diakonie irgendwo noch mit dranhängt am Gebäude unserer Kirche. Die stärkere Beziehung hat man traditionell zur Mission – und Diakonie, die gibt es auch, aber naja – das ist halt was für die Praktiker, da geht es „weniger fromm und geistlich“ zu…

Wie ist das nun tatsächlich mit der Kirche und der Diakonie? Wie wird der hohe Anspruch unserer Grundordnung umgesetzt? Hier hilft das „Diakonieverständnis der SELK“ weiter. Es wurde von der 7. Kirchensynode der SELK 1991 als verbindlich angenommen und ist Teil der kirchlichen Ordnungen.

 

Dieser Text gibt Auskunft darüber, wie wir als lutherische Kirche Diakonie verstehen,

er verortet die Diakonie im Gebäude unseres Glaubens und unserer Lehre. Das ist wichtig! Denn es zeigt, dass und wie die Diakonie im Tiefsten mit Gottes Wort und Gottes Handeln in den Sakramenten verbunden ist. Also: kein Anhängsel für Leute, die zuviel Zeit haben und dann „auch noch Diakonie“ machen können.

 

a)     In Jesus Christus ist die heilsame Gnade Gottes allen Menschen erschienen, um Vergebung der Sünden, Rettung und Heil zu erwirken. Der Sohn Gottes wurde Mensch, in allem uns gleich, doch ohne Sünde. Er nahm Knechtsgestalt an und machte sich zum Bruder auch der Elenden und Verlassenen.

b)     Wer durch den Glauben an Jesus Christus vor Gott gerechtfertigt ist, hat Frieden mit Gott. Gottes Liebe öffnet den Weg zum Dienst am Nächsten in der Nachfolge Christi.

c)     Diakonie hat daher ihre Quelle in den Gnadenmitteln, von denen aus christliche Liebestätigkeit erst möglich wird. Bei aller Achtung vor anders motivierter sozialer Tätigkeit ist daran festzuhalten, dass biblisch begründete Diakonie nur in Abhängigkeit von Gottes Wort und Sakrament geübt wird.

d)     Die durch den Heiligen Geist gesammelte Kirche ist auch diakonische Kirche. Sie ist dem ganzen Menschen in allen seinen Lebensbezügen zugewandt. Die Gaben des Heiligen Geistes befähigen die Gemeinde, die Liebe Christi zu denen zu tragen, die in ihrem Elend seine Zuwendung brauchen.

e)     So nimmt sich die Kirche aller Menschen als eines Geschöpfes Gottes an. Der Mensch findet seine letzte Erfüllung dann, wenn er für Zeit und Ewigkeit in Christus geborgen ist.

 

Punkt a) und b) beschreiben die Grundlagen und Voraussetzungen aller Diakonie: was Gott tut. Gott handelt in Christus: Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit sollen in die Welt kommen, und Gott macht den Anfang in Christus.

Punkt b) zeigt unseren Zugang zu Gottes Handeln: durch den Glauben treten wir ein in Gottes Heil, besser, wir werden hineingezogen in den Frieden mit Gott. Gottes Heil und Friede ist kein Ort, an dem man die Hände in den Schoß legt und den lieben Gott einen guten Mann sein lässt. Nachfolge hat mit Bewegung zu tun, aufstehen, losgehen: der Weg ist frei.

Wenn wir für unser Heil und unsere Seligkeit nicht mehr sorgen und kämpfen müssen, weil das schon ein anderer getan hat, werden Kräfte frei. Trösten kann der, der selbst getröstet und getrost ist. Mittragen und Halt geben kann der, der selbst gehalten wird.

 

Die liebevolle Hinwendung zum Anderen hängt immer an der vorhergehenden Zuwendung Gottes zum Menschen, sie ist ohne das nicht zu haben.  Gottes Zuwendung erfahre ich zunächst in der Taufe und dann immer wieder im Abendmahl und in der Absolution, wo mir immer wieder und wieder erlebbar wird: es ist in Ordnung mit dir, deine Sünden sind dir vergeben, du bist drin in Gottes Heil, in der Gemeinschaft mit Christus.

Das heißt: Diakonie hat ihre Quelle in den Gnadenmitteln (Punkt c); oder, wie Wilhelm Löhe es formuliert: Diakonie geht vom Altar aus.

 

Nach dem Abendmahl stehen wir auf vom Altar und gehen weiter. Zuerst nur in die Kirchenbank, aber danach wieder hinaus in die Welt, in den Alltag mit unendlich vielen Gelegenheiten, sich dem anderen zuzuwenden, nachdem wir Gottes Zuwendung erfahren haben.

Hier profiliert sich Diakonie gegenüber anderer sozialer Arbeit – bzw. hier kann sie sich profilieren; hier liegt aber auch eine Anfrage an unsere tatsächliche Praxis: nehmen wir diesen sozialen, diakonischen Aspekt, besser: Auftrag der Mahlgemeinschaft noch wahr?

 

Punkt d) zeigt die Folgen: die Kirche als solche ist diakonisch, sie ist dem Menschen zugewandt.

Zwei bemerkenswerte Aspekte: es geht um die Kirche in ihrer Gesamtheit. Nicht um einen Diakonie-Club oder Frauenkreis. Die tätige Nächstenliebe der Kirche und Gemeinde kann nicht grundsätzlich ausgelagert und an Spezialisten delegiert werden.

Und: Kirche ist diakonisch. Nicht: sie soll es werden, sie muss sich darum bemühen,… Kirche ist so. Gaben des Heiligen Geistes befähigen die Gemeinde, heißt es. Was für eine gute Nachricht, was für eine Entlastung: die Kirche hat bereits alle notwendigen Mittel, um diakonisch zu sein; die Gaben sind da.

Hier liegt für mich eine weitere Frage:  wo nehmen wir diese Gaben wahr und setzen sie tatsächlich ein, und  warum ist das manchmal so schwierig?

 

Punkt e) gibt einen Hinweis zum diakonischen Menschenbild: jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes – übrigens auch, wenn er davon nichts hält. Der Mensch ist als Gottes Ebenbild geschaffen und hat seinen Wert von Gott her, unabhängig von seiner Gesundheit, Leistungsfähigkeit, seinem Funktionieren.

Diese Sichtweise schützt uns davor, in ein Gefälle von mächtigen Helfern und ohnmächtigen Bedürftigen zu geraten. Als Gottes Geschöpfe stehen wir in einer Reihe gemeinsam vor unserem Schöpfer mit denen, die mehr Hilfe brauchen, die schlimm aussehen und riechen und auch sonst aus jeder Reihe herausfallen… Wie gut, wenn wir in der Lage sind, Not zu lindern und Lebensbedingungen zu verbessern. In der Notsituation werden Helfer und Empfänger sich zum Nächsten – aber eine Überlegenheit ist daraus nicht abzuleiten.

 

 

Nach diesem Schnelldurchgang durch das Diakonieverständnis unserer Kirche ist natürlich noch längst nicht alles gesagt – aber ich denke, einiges ist doch klar geworden:

Diakonie ist keine nervige Nötigung, jetzt noch einen neuen Gemeindekreis zu gründen.

Sie können das aber tun, und Menschen haben damit gute Erfahrungen gemacht.

Diakonie bedeutet nicht, möglichst viele Projekte aus dem Boden zu stampfen.

Wenn Sie ein Projekt starten wollen, ist das wunderbar und das Diakonische Werk wird dabei gerne helfen.

 

In keinem Fall ist Diakonie eine Forderung, die es jetzt auch noch zu erfüllen gilt, neben all dem anderen. Diakonie folgt einfach aus dem, was wir bei und mit Gottes Handeln an uns erleben, aus der Gemeinschaft mit Christus und dem Nächsten.

Weil nun Gottes Handeln und die Gemeinschaft mit Christus nicht ohne sie zu haben sind, kann und will Diakonie nicht ohne die Kirche sein. Und die Kirche kann und darf auf diese ihre „Lebensäußerung“ nicht verzichten.

 

Barbara Hauschild

 

Dieser Text steht auch als PDF zum Download bereit: Hauschild – Diakonie als Lebensäußerung der Kirche