5.11.2013

Einheit und Vielfalt der Kirche

Ein Beitrag von Prof. Dr. Christoph Barnbrock von der Lutherischen Theologischen Hochschule der SELK in Oberursel über das Wesen der Kirche.

Daran hängt die Einheit der Kirche nicht

Herzhaft lachend saßen wir am Ende am Küchentisch. Was war passiert? In der Karwoche hatte ich einen befreundeten lutherischen Pfarrer in den USA besucht. Wir redeten über die anstehenden Gottesdienste und schließlich fing er an, vom „Strepitus“ im Karfreitagsgottesdienst zu sprechen. Ich schaute ihn fragend an, glaubte zunächst, es läge an meinen Englischkenntnissen, dass ich ihn nicht verstand. Aber schließlich merkte ich, dass ich wirklich nicht wusste, wovon er sprach. Als ich meinem Gesprächspartner dies sagte, schaute dieser wiederum ganz ungläubig: „Was, das kennst du nicht? Das gehört doch zum Karfreitagsgottesdienst ganz selbstverständlich dazu!“ Es klärte sich schließlich, dass er mit dem „Strepitus“ einen lauten Knall am Ende des Karfreitagsgottesdienstes meinte, der das Erdbeben oder das Schließen des Grabes symbolisieren soll und der z.B. durch das laute Zuschlagen eines Buches oder das Fallenlassen eines Gegenstandes erzeugt wird. Lachend saßen wir am Ende da, weil uns miteinander deutlich wurde, wie wenig selbstverständlich oftmals das ist, was wir im Gottesdienst für selbstverständlich halten, ja, wie unterschiedlich kirchliche Riten und Gebräuche von Gemeinde zu Gemeinde und von Land zu Land sein können. Und lachen konnten wir darüber, weil wir wussten: Daran hängt die Einheit der Kirche nicht. Deswegen sind wir in Christus nicht mehr oder nicht weniger verbunden. Niemand musste den anderen davon überzeugen, dass seine Art und Weise, den Karfreitagsgottesdienst zu feiern, nun die einzig richtige ist. So atmete unser Lachen viel Gelassenheit.

Konzentration auf das Wesentliche

Für mich ist ein solches befreites Lachen ein Ausdruck der Gelassenheit und der Freude, die aus der Rechtfertigung erwächst. Schon den Reformatoren war es wichtig, dass weder die Eigenart des Pfarrers noch bestimmte äußerliche Ordnungen die Kirche zur Kirche machen. Denn dann läge es ja immer an dem, was wir zu tun und zu gestalten hätten. Und immer wieder stünde die Frage im Raum: Machen wir es auch gut, auch richtig genug? Und wer auf seine eigenen Grenzen schaut, dem kann dabei die Lebensfreude schnell im Hals stecken bleiben.

Dagegen haben die Reformatoren darauf vertraut, dass Kirche da ist und Gott Kirche überall dort baut, wo das Evangelium rein gepredigt wird, nämlich so, dass Menschen auf Jesus Christus als ihren Retter hingewiesen werden. Sie wussten darum, dass Kirche ganz gewiss da ist, wo das geschieht, was Jesus Christus selbst befohlen hat: wo Menschen im Namen des dreieinigen Gottes mit Wasser getauft werden und das Abendmahl so gefeiert wird, wie Jesus Christus es am Gründonnerstag eingesetzt hat.

Das allein macht Kirche zu Kirche und schafft andersherum Freiräume zur Gestaltung, lässt aber auch ganz nüchtern darauf schauen, wo menschliche Ordnungen gut und sinnvoll sind.

Das Kind nicht mit dem Bade ausschütten

Heutzutage geht der Trend dahin, möglichst unterschiedliche Formen des Gemeinde- und Gottesdienstlebens zu entwerfen. Diese Freiheit lässt das lutherische Bekenntnis. Gleichzeitig haben schon die Reformatoren daran erinnert, dass es gut ist, bewährte Formen und Ordnungen nicht aus dem Blick zu verlieren und das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten.

So nehme ich als Geschenk wahr, wenn ich auf einem anderen Kontinent Gottesdienst feiere, vielleicht die jeweilige Sprache nur bruchstückhaft beherrsche, und trotzdem die Struktur des Gottesdienstes nachvollziehen kann. Da wird etwas deutlich von der Verbundenheit der Kirche über Sprach- und Konfessionsgrenzen hinaus, ohne dass diese äußerliche Ordnung für die geglaubte Einheit der Kirche notwendig wäre.

Vertraute Formen können auch im eigenen Land helfen, im Gottesdienst zur Konzentration zu finden. Stellen Sie sich vor, in Ihrem Karfreitagsgottesdienst würde unangekündigt ein lauter Knall erklingen, weil dies der Pfarrer als neues Element in den Gottesdienst einbauen möchte. Sie würden sich vermutlich eher erschrecken als dadurch einen Zugang zum Ereignis des Karfreitags zu finden. Feste Formen helfen darüber hinaus auch Kindern und Jugendlichen, vertraut zu werden mit Abläufen, etwas davon zu verstehen, „wie Gottesdienst geht“.

Entdeckerfreude im Raum der Kirche Gottes

Gleichzeitig gibt es aber auch so etwas wie Entdeckerfreude im großen Raum der Kirche Gottes, die so viele Grenzen überschreitet. Es ist eine Bereicherung, in Afrika Gottesdienste mitzuerleben und mitzufeiern, in denen Mitchristen singend und tanzend Gottes Gegenwart loben und preisen. Es ist etwas Besonderes zu erleben, wie in den USA der Karfreitag mit einem Lichtergottesdienst (samt „Strepitus“) am Abend beschlossen wird. Und es ist schließlich ein Geschenk, dass seit einigen Jahrzehnten in unseren Breiten die Osternacht wieder neu entdeckt worden ist – gerade auch in ihrer reichen liturgischen Gestaltung, mit gesungenen Lesungen und von Kerzenlicht erhellter Kirche.

Nicht alles passt überallhin. Nicht jede Gottesdienstordnung lässt sich einfach importieren. Und es gibt meistens auch nicht ein „richtig“ oder ein „falsch“: „Nur so oder so darfst du Gottesdienst feiern.“ Aber auf jeden Fall hat das Staunen seinen Platz: Wie vielfältig und wie unterschiedlich doch die Gaben sind, mit denen der Heilige Geist seine Kirche beschenkt hat, sodass sie eins im Glauben ist, aber doch ganz vielfältig in den Formen, in denen sie ihr kirchliches Leben gestaltet.

Prof. Dr. Christoph Barnbrock

 

Dieser Beitrag steht auch als Download im PDF-Format zur Verfügung: Barnbrock – Einheit und Vielfalt der Kirche