28.08.2013

Die Kunst des Predigthörens

Eine Predigt entsteht nicht nur am Schreibtisch des Pfarrers. Sie entsteht vor allem auch im Kopf des Zuhörenden.

Zwei Minuten reichen. In den ersten beiden Minuten einer Predigt entscheidet sich der Hörer, wie er diese Predigt einschätzt. Es ist nicht nur der erste Satz; es sind nicht bestimmte Formulierungen, es ist auch nicht das „Thema“, die diese Einschätzung prägen. Es ist der Raum, der mit dem Beginn einer Predigt aufgetan wird. Die Worte, die Stimme, die Körperhaltung – das öffnet oder verschließt den Hörenden den Zugang zur Predigt. Die Tür zu diesem Raum aufzumachen, ist Aufgabe des Predigers; die Schwellen, die davor liegen, mögen aus der erhöhten Kanzel-Perspektive lächerlich klein erscheinen – für die Hörer werden sie ganz schnell zu Stolpersteinen, an denen ihre Gedanken hängen bleiben. Manche Predigthörer scheint das nicht weiter zu stören. Aus einer Umfrage des Nürnberger Gottesdienstinstitutes geht zwar eindeutig hervor, dass für evangelisch Getaufte die Predigt in der Wahrnehmung des Gottesdienstes zentral ist, aber nicht wenige der Befragten erklärten, dass sie während der Predigt ihren eigenen Gedanken nachgingen. Für sie stellt die Predigt einen willkommenen Raum des Rückzugs dar, der es ihnen ermöglicht, in sich zu gehen. Die Predigt läuft dabei quasi als Hintergrundmusik mit. Ist das eine moderne Umschreibung des viel zitierten Kirchenschlafs? Reicht es, wenn die Predigt einen wenigstens nicht beim Nachdenken stört? Dem widerspricht, dass alle Befragten aus einer Predigt „etwas mitnehmen“ wollen. Aber dafür muss man ja erst einmal in den Raum einsteigen, den die Predigt eröffnet. Zuhören ist ein Prozess, den ich aktiv betreiben muss. Eine Predigt entsteht nicht nur am Schreibtisch des Pfarrers. Sie entsteht vor allem auch im Kopf des Zuhörenden.

Wenn der Einstieg sich aber hinzieht, vielleicht, weil der Bezug auf eine aktuelle Meldung aus den Medien gerade so gefällig scheint, werde ich als Predigthörerin leicht nervös, weil ich weiß: Irgendwann muss er in die „Jesus-Kurve“ einbiegen, die Abzweigung nehmen zu Gott, Jesus oder wenigstens zu Luther. Und das gelingt nicht immer ohne heftige Bremsmanöver und Schlaglöcher. Wenn die Sprache von Anfang an nur die bekannten Dauer-Formeln und theologischen Richtigkeiten anbietet, bin ich gelangweilt, bevor ich den Raum richtig betreten habe. Wenn der Ton umgekehrt versucht, sich bei einem Jargon anzubiedern, passiert das gleiche – ich bleibe erst mal vor der Tür stehen. Ich will keine netten Geschichtchen hören und keine historischen Abhandlungen und keine klugen Zitate. Ich will Gott reden hören! Ich will staunen, erkennen, lachen, weinen und getröstet werden. Ich will, dass die Predigt eine Brücke schlägt zwischen Gott und mir.

Der englische Starprediger Charles Haddon Spurgeon riet 1860 in seinen Vorlesungen den Predigern: „Sagt nicht, was jedermann erwartet, fahrt nicht immer im selben Geleise. Überfallt die Leute unversehens, lasst Blitze aus heiterem Himmel zucken, lasst bei klarem Wetter Stürme toben.“ Dass das gelingt, hat der Pfarrer nur teilweise in der Hand. Aber wenn eine Predigt handwerklich schlecht gemacht ist, entsteht garantiert keine Brücke, die der Zuhörer betreten mag. Da helfen dann auch kein Pathos in der Stimme und keine noch so dozierende Gestik.

Einer guten Predigt spürt man ab, wie viel Arbeit in ihr steckt, wie viel handwerkliches Feilen an der Sprache. Wolf Schneider, der große Sprach- und Stillehrer, hat für die Süddeutsche Zeitung die Weihnachtspredigten des letzten Jahres von 36 deutschen evangelischen und katholischen Bischöfen unter die Lupe genommen. Solche Wortgespinste, wie er sie darin gefunden hat, hätten Jesus ebenso wie Luther um ihren Welterfolg gebracht, meint Schneider. Von „Bedürftigkeit, die um ihr Angewiesensein auf die heilsame Gnade Gottes weiß“ liest er, von der „neuheidnischen Vergleichgültigung“, von der „vollständigen Verzweckung des Menschen“ und „menschlicher Geschöpflichkeit“. Er reiht ein gestelztes Beispiel ans nächste und konstatiert zwischendurch: „Da lechzt der Bibelkenner nach einem Satz wie ‚Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln’“. Er ist schon dankbar, wenn zwischen all den rügenden, den metaphysisch überladenen Worten doch auch mal schlichtes, biblisches Deutsch hervor lugt.

 

Das Leben der Hörer predigt mit

Aber selbst, wenn die Formulierungen sitzen, wenn die Übergänge flüssig sind, wenn die Dramaturgie der Predigt stimmt – dann ist immer noch nicht garantiert, dass der Funke überspringt. „Aber alles hilft nichts, wenn ihr selbst während der Predigt schlaft“, meinte Spurgeon zu seinen Studenten. „Ist das denn möglich? Jawohl, das kommt jeden Sonntag vor. Viele Prediger schlafen mehr als halb während der ganzen Predigt. Sie würden höchstens aufwachen, wenn man neben ihnen eine Kanone abschösse. Ihre Rede ist zahm, langweilig und eintönig. Und dann wundert man sich, wenn die Leute schläfrig sind.“

Die Art des Vortrags predigt mit. Ein pathetischer Ton wirkt künstlich und nährt das Misstrauen, dass da Worten eine Bedeutung gegeben werden soll, die ihnen der Pfarrer offenbar ohne rhetorisches Aufblasen selbst nicht zutraut. Redet er zu salbungsvoll, wirkt die beste Predigt langweilig.

Und natürlich sind die Erwartungen der Hörenden sehr unterschiedlich. Die eine erwartet, in der Predigt Erfahrungen aus ihrem eigenen Alltag wieder zu finden, der andere möchte eine möglichst genaue Auslegung des Bibeltextes. Die Witwe sucht Trost, der Arbeitslose wünscht sich mehr Kritik an Politik und Gesellschaft und die Jugendlichen erwarten eine möglichst kurze Predigt, in der der Pfarrer ihre Lebenswirklichkeit anspricht. Das Leben der Hörenden predigt mit, manchmal lauter als jede Kanzelrede. Ihre Stimmung predigt mit, in der sie am Sonntagmorgen in die Kirche kommen. Mit dem Kanzelsegen beginnt in den Köpfen der Hörenden ein innerer Dialog. Sie werden zwar (in der Regel) nicht dazwischenrufen und auch nicht klatschen, aber durch Blickkontakte, Nicken, Stirnrunzeln, unruhiges Hin- und Herrutschen antworten sie sehr wohl auf das Gesagte. Sie selektieren das Gehörte in für sie Relevantes und Unwichtiges. Sie ordnen es in ihren eigenen Lebenszusammenhang, in ihren Erfahrungshorizont ein und bilden sich dabei ein Gesamturteil. Offene Kritik hinterher kommt sehr selten vor, das sagten jedenfalls die vom Nürnberger Gottesdienstinstitut befragten Pfarrer. Sie berichteten durchweg von positivem Feedback an der Kirchentür. Das sollte, so die Verfasser der Studie, allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, „dass sich Pfarrerinnen und Pfarrer als Predigende selbst sehr viel besser einschätzen als das Gros ihrer Kirchgänger, geschweige denn der seltenen Hörer, die ein deutlich kritischeres Bild zeichnen.“ Wenn Pfarrer selbst Predigthörer sind, gehen sie sehr viel kritischer auf das Gehörte ein. Auffällig seien, so die Studie, die vielen Abgrenzungen zu Kolleginnen und Kollegen, zu deren Predigtstil; gern wird den anderen auch mangelnde Predigtvorbereitung unterstellt. Pfarrer gehen mit den Predigten ihrer Kollegen offenbar deutlich härter ins Gericht als mit sich selbst.

Dass Predigten natürlich oft und vielfältig Ärger auslösen, hat die Befragung auch ergeben. Besonders empfindlich reagieren Kirchgänger, wenn Pfarrer sich zu politischen Themen äußern. Hier wird ihnen nicht mehr Kompetenz eingeräumt als jedem Gottesdienstbesucher auch und es wird schnell unterstellt, der Pfarrer wolle die Predigt zur Manipulation missbrauchen.

Kritik und Enttäuschung über eine Predigt, die einem nichts gibt, ist Ausdruck jener Sehnsucht, am Sonntag von der Kanzel Worte zu hören, die sonst niemand einem sagen kann. Der Sehnsucht, Gott reden zu hören. Die Predigt muss das nicht allein leisten, sie ist schließlich eingebettet in die Liturgie, in den gesamten Gottesdienst. Aber von der Predigt erwarte ich das eben in besonderem Maße.

Doris Michel-Schmidt

Dieser Beitrag erschien bereits in der „Lutherischen Kirche“