19.03.2013

Besser streiten in der Gemeinde

Christen sollen mit allen Menschen Frieden haben. Jedenfalls, wenn’s möglich ist und soviel es an ihnen liegt, heißt es im Römerbrief. Aber in Gemeinden kommt es immer wieder zu Konflikten. Wie findet man dann wieder heraus? Den Mund halten um des lieben Friedens willen oder doch tüchtig streiten?

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“: Dieses Liebesgebot aus der Bibel wird Christen gern um die Ohren gehauen, wenn sie unter sich uneinig sind. „Da sieht man’s! Die sind doch auch nicht besser“, heißt es dann mit einem gehörigen Schuss Häme im Unterton. Aber nicht nur Außenstehende erwarten, dass es bei „Kirchens“ keine Konflikte geben darf. Kommt es in einer Gemeinde zu Auseinandersetzungen, schämen sich viele Christen selbst dafür. Streit soll nicht sein. Im Brief an die Römer mahnt Paulus eindringlich: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden“. (Röm. 12,17-18). Und ähnlich tönt es in seinem Schreiben an Timotheus: „Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streitsüchtig sein, sondern freundlich gegen jedermann.“ (2. Tim. 2,24).

Trotzdem kommt es in Gemeinden immer wieder zu Konflikten. Und auch davon weiß die Bibel eine Menge an Beispielen zu erzählen. Die Urgemeinde, in der alle immer einer Meinung waren, gab es nie. In der Apostelgeschichte sind mehrere Beispiele überliefert, wie sich die Jünger in die Wolle kriegten. Als in der Jerusalemer Gemeinde die Diskussion um die Frage der Beschneidung hochkochte, gab es richtig Zoff: „Als nun Zwietracht entstand und Paulus und Barnabas einen nicht geringen Streit mit ihnen hatten …“ (Apg. 15,2). Man kam zusammen und disputierte. Ja, man stritt sich, lange sogar, wie es heißt. Es galt, eine Streitfrage zu klären. Das war wichtig, um besser zu verstehen, was Gott der Herr von ihnen wollte.

Das ist heute nicht anders. Um das rechte Verständnis der Bibel muss gestritten werden. Für die rechte Lehre der Kirche muss gestritten werden. Für etwas streiten heißt ja auch, sich engagieren, Partei ergreifen, protestieren, kämpfen. In wichtigen Fragen lohnt sich der Streit. Für die Wahrheit muss man den Mund aufmachen. Da nützt es auch nichts, das Deckmäntelchen der Liebe über alle Uneinigkeit auszubreiten. Die Vorstellung, Christen dürften nicht über andere urteilen, müssten „tolerant“ sein gegenüber allen möglichen und unmöglichen „Lehren“ und gesellschaftlichen Entwicklungen, ist unbiblisch. Um des lieben Friedens willen wird dann weggeschaut; um keine Spaltung zu riskieren wird geschwiegen. Oder man erklärt gleich die Einheit in der Vielfalt zum Kennzeichen christlicher Gemeinschaft und Kirche.

Plötzlich ist das Klima vergiftet

Für Glaubensinhalte würde sich Streit lohnen. Aber bei den meisten Konflikten in den Gemeinden geht es eher nicht um Theologie. Da wird viel Energie aufgewendet für Nebensächlichkeiten. Man kann sich streiten über die Frage, welche Farbe der neue Teppich in der Kirche haben soll. Ob man im Gottesdienst auch Cosi-Lieder singt oder nicht. Wie der Putzdienst organisiert wird. Ob der Talar des Pfarrers schwarz oder weiß sein soll. Wann der Ostergottesdienst beginnen muss. Wie man mit den Beitrags-Restanten umgeht.

Ja klar, solche Fragen müssen in der Gemeinde geklärt werden. In der Regel geschieht das ja auch in entspannter Atmosphäre und man einigt sich am Ende einvernehmlich. Aber wie’s der Teufel will – und dem ist garantiert daran gelegen, dass Christen sich entzweien – führt eine Anhäufung von kleinen, belanglos erscheinenden Meinungsverschiedenheiten plötzlich zu einem Konflikt, der eskaliert.. Da fühlt sich einer gekränkt und bleibt beleidigt weg. Da wird jemand übergangen und reagiert mit bitteren Vorwürfen gegenüber Kirchenvorstehern oder dem Pfarrer. Da gehen Mails hin und her, da werden Vermutungen angestellt und Gerüchte gestreut. Und plötzlich ist das Klima vergiftet, es bilden sich Gruppen, die einander misstrauen und sich gegenseitig die Schuld für das Zerwürfnis zuschieben. Wenn die Fronten einmal verhärtet sind, ist so ein Konflikt wie ein schleichendes Gift. Von mancher „Uraltfehde“ in Gemeinden wissen die Beteiligten selbst nicht mehr so genau, was ursprünglich die Gründe waren.

Vielleicht fing es mit gut gemeinten Ratschlägen an, oder mit dem sorgenvollen Hinweis, dass „früher doch auch immer…“. So etwas endet gern in Frust und Verstimmung, wenn es nicht richtig verstanden wird. Vielleicht steckt nur ein Missverständnis dahinter, aber es wird nicht aufgelöst – und bald wird daraus ein Ärger, der sich irgendwann Bahn bricht.

Häufig spielen bei solchen Auseinandersetzungen auch persönliche Sympathien oder Antipathien eine Rolle. Und manchmal geht es in Konflikten einfach nur um Rechthaberei und Machtansprüche. Da wird dann eine Mitarbeiterin durch Ignorieren ausgebootet, ohne dass man ihr klar sagt, was man an ihrer Arbeit kritisiert. Da schmeißt ein Mitarbeiter sein Amt hin, weil der Pfarrer auf seine Änderungswünsche angeblich nie eingeht. Da sind sich zwei nicht grün und tragen ihren Konkurrenzkampf ziemlich unsachlich aus.

Frieden halten, heißt nicht zu allem schweigen

Das zu durchschauen und zu klären, ist unter Christen nicht einfacher als anderswo. Vielleicht sogar noch schwieriger, weil der Anspruch, mit allen gut auszukommen und partout Frieden zu halten, uns leicht zu Duckmäusern werden lässt. Lieber den Mund halten, irgendwann werden sich die Wogen schon wieder glätten. Hauptsache, Ruhe im Karton. Frieden halten, heißt aber nicht, zu allem zu schweigen. Eine Gemeinde ist etwas Lebendiges; sie verändert sich. Immer wieder wird es etwas geben, mit dem ich nicht einverstanden bin, das mich ärgert oder nervt. Um das dann anzusprechen, braucht es Mut. Kritik zu üben ist unangenehm. Man fällt auf damit, eckt an, fühlt sich vielleicht als Ruhestörer.

Aber wenn man mit etwas nicht einverstanden ist, das man für wichtig hält, dient man dem Frieden mehr, wenn man das so frühzeitig und undramatisch anzeigt, dass die anderen darauf einfach reagieren können. Das ist allemal besser als runterzuschlucken, bis es zum großen Knall kommt. Als erstes allerdings, wenn einem etwas nicht passt oder man genervt ist, muss man sich fragen, ob die Sache wichtig genug ist, um sie anzusprechen. Ob die Kritik der Sache dient oder man einfach nur Recht behalten will.

Wenn man sich dafür entscheidet, anzusprechen, was einen stört, kommt es auf den Ton an, der bekanntlich die Musik macht. In Ratgeberbüchern über das richtige Streiten tauchen immer wieder dieselben Rezepte auf. Man soll aktiv zuhören. Statt Vorwürfe zu machen, die alle mit „Du…“ anfangen, sollen wir „Ich-Botschaften“ senden. Nie Sätze mit „nie“ und „immer“ benutzen und nur zum richtigen Zeitpunkt einen Streit vom Zaun brechen.

Das Problem dieser gut gemeinten Rezepte ist, dass sie nicht funktionieren. Jedenfalls auf der Ebene der Zweierbeziehung nicht. Einer der führenden Eheforscher, Prof. John M. Gottman, hat das besonders deutlich formuliert: „Das aktive Zuhören verlangt von den Paaren, Gymnastik auf olympischem Niveau zu betreiben, während ihre Beziehung doch kaum mehr kriechen kann.“

Viel wichtiger noch als das Verhalten im Streit, sei, wie man miteinander umgeht, wenn man nicht streitet, so Gottman. Er beschreibt das mit dem einfachen Wort: Freundschaft.

Der Psychologieprofessor hat zudem ein paar Regeln zusammengefasst, die fürs Streiten wirklich helfen:

1. Beginnen Sie in sanftem Ton.

Wer als erstes die große Kritik-Keule auf den Tisch haut, darf keine lösungsorientierte Diskussion erwarten. Es ist wie beim Schach: Eröffnet wird mit dem kleinen Bauern. Denken Sie daran: Diskussionen enden meistens so, wie sie angefangen haben.

2. Lernen Sie Rettungsversuche zu unternehmen und anzunehmen.

Es ist wie beim Autofahren. Wenn wir in eine gefährliche Situation geraten, sollten wir wissen, wie wir den Wagen anhalten können. Rettungsversuch im Streit bedeutet: rechtzeitig bremsen. Solche Versuche sind meist in kleine Bemerkungen verpackt: «Ja, das stimmt», «Ich mach mir Sorgen», «Wir kommen vom Thema ab».

3. Beruhigen Sie sich.

Wenn die Diskussion zu hitzig wird und Sie von wütenden Gefühlen überflutet werden, sollten Sie den Streit unterbrechen.

4. Gehen Sie Kompromisse ein.

In einem Streit hat nie einer allein recht. Wenn Sie erkannt haben, worum es in dem Konflikt geht (nicht früher), und offen sind für die Argumente des anderen, ist eine Lösung in Form eines echten Kompromisses keine Hexerei mehr. Wenn es allerdings Ihr Ziel bleibt, den anderen zu verändern, ist jede Auseinandersetzung sowieso zum Scheitern verurteilt.

Wenn man sich daran hält, wird das nächste Streitgespräch vielleicht sogar zur anregenden und Energie freisetzenden Kontroverse.

Doris Michel-Schmidt