12.03.2013

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein…“

In der Gemeinde gemeinsam die Bibel lesen

„Sie werden lachen die Bibel“, soll der Dichter Berthold Brecht auf die Frage geantwortet haben, welches denn sein Lieblingsbuch sei. Ausgerechnet Bert Brecht, der Dichter der Arbeiter- und Bauernklasse, in dessen Weltbild Gott eigentlich nicht vorgesehen war. Aber auch er las in der Bibel, hatte die Sprachgewalt und die Tiefe des Buches der Bücher gespürt.

Klar, für Christen ist die Bibel sowieso der wichtigste Text. Die Schriften des Alten und des Neuen Testaments sind das Wort Gottes, so bekennen wir es. Und allein durch das Wort (verbo solo) kommen Menschen zum Glauben, so bekennen wir es als Lutheraner. Allein die Schrift (sola scriptura) ist die Quelle und der Maßstab aller christlichen Lehre. Das wissen wir, manche können sogar die lateinischen Formulierungen zitieren. Aber mal unter uns: Bibel lesen, das Wort Gottes selbst im Alten und Neuen Testament wahrnehmen – das ist gar nicht so einfach. Manchmal ist die Sprache der Lutherübersetzung schon ganz schön schwer zu verstehen. Für viele alttestamentliche Geschichten und Prophetenworte oder Paulusbriefe fehlt uns einfach der Hintergrund. Wer waren diese Assyrer, von denen manche Propheten reden, oder was meint Paulus mit Götzenopferfleisch? Und wie soll man eigentlich Bibel lesen? Vorne anfangen wie bei einem Roman? Dann kommen viele nicht weit, weil irgendwann unendliche lange Stammbäume oder Gesetzestexte aufgezählt werden. Es gibt eine Menge Klippen, und dann geben es viele auf.

Dabei ist die Bibel nicht bloß ein Buch mit vielen Geschichten – das ist es auch und die meisten davon sind tatsächlich spannend. Vor allem ist die Bibel ein Lebensmittel für unseren Glauben. Jesus selbst hat auf die Versuchung des Teufels, er solle doch Steine zu Brot machen, wenn er hungrig sei, geantwortet: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht“ (Mt 4,4). Das sagt Jesus, der selbst das Mensch gewordene Wort Gottes ist (vgl. Joh 1,14)! Wir haben Gottes Reden nicht als persönliche Inspiration jedes einzelnen, und Jesus, der selbst das Wort Gottes war, ist als Mensch nicht mehr unter uns. Aber wir haben die Bibel. Diese Worte wirken tatsächlich, so heißt es im Buch Jesaja: „So soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zur mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt und wozu ich es sende“ (Jes 55,11–12). Das sagt Gott durch seinen Propheten. Unzählige Christinnen und Christen haben seither diese Erfahrung gemacht: Gottes Wort bleibt nicht eine alte Geschichte, sondern biblische Texte können jede und jeden direkt ansprechen, Schuld aufzeigen, Gnade zusagen, das Leben verändern! Ein Glaube, der dieses Lebensmittel nicht zu sich nimmt, verhungert irgendwann.

Aber die Schwierigkeiten bleiben doch! Was machen wir denn nun? Wichtig ist, dass Menschen, die Bibellesen wollen, vom „ich müsste eigentlich mal…“ zur Tat schreiten, sonst ist das ganze Thema auf ewig mit einem schlechten Gewissen behaftet und das lähmt. Also: Weg mit den guten Vorsätzen und ran an die Bibel! Jede und jeder kann ganz bescheiden anfangen, vielleicht mit einem Vers aus den Losungen jeden Tag, vielleicht mit einer Andacht dazu oder auch damit, die Lesungen im Gottesdienst aus dem Gesangbuch mitzulesen. Vor allem aber möchte ich dazu ermutigen, zusammen mit anderen in der Gemeinde Bibel zu lesen. Denn so wie gemeinsames Essen viel mehr Freude macht als die einsame Mahlzeit, kommt man auch zusammen mit anderen beim Entdecken des Wortes Gottes besser voran. Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten.

Vielleicht gibt es in Ihrer Gemeinde einen Haus- oder einen Bibelkreis. Oder aber sie gründen einen! Das muss ja keine lebenslange Verpflichtung sein. Sie könnten sich auch erst einmal für ein Vierteljahr wöchentlich verabreden. Das ist ein überschaubarer Zeitraum und niemand muss sich bis zur Rente fest binden. Nach diesem „Projekt“ kann man dann ja weitersehen. Hier beten Menschen um Gottes Geist und fragen dann gemeinsam, was der Bibeltext jeder und jedem sagt. Sie sollten sich verständigen, was alle von so einem Kreis erwarten. Manche wollen eher historische oder theologische Informationen, andere möchten eher nach der Bedeutung für ihr Leben fragen. Nichts davon ist „falsch“, aber man sollte sich vorher über Erwartungen austauschen, damit man nicht enttäuscht wird. In jedem Fall empfiehlt es sich, einen kürzeren Abschnitt zu lesen – nicht gleich ein ganzes Buch. Dabei sollten Sie den Text laut lesen, aber auch eine Zeit der Stille einplanen, damit alle sich noch einmal einlesen können. Ach ja: Jede Frage und jede Beobachtung ist erlaubt! Schließlich wollen Sie gemeinsam weiterkommen.

Und was soll man lesen? Manche Kreise lesen biblische Bücher fortlaufend. Das ist sicher sinnvoll, weil man dann auch größere Zusammenhänge überblickt. Aber gerade im Alten Testament können immer auch längere Passagen auftauchen, die wenig „ergiebig“ sind. Da darf man dann auch getrost mal weiterblättern. Aus dem Alten Testament empfiehlt sich das erste Buch Mose, die Psalmen oder ein „kleiner“ Prophet, vor allem Jona. Im Neuen Testament sind das Markusevangelium oder der Philipperbrief gut zu „schaffen“.

Ein Tipp: Lesen Sie doch zuerst kein biblisches Buch fortlaufend, sondern nehmen Sie sich den vorgeschlagenen Predigttext des kommenden Sonntags vor! Den findet man im Losungsheft oder in Andachtskalendern angegeben (Pfarrer erteilen hier auch gern Auskunft). Dann bekommt Ihr Bibelkreis fast schon von selbst einen Bezug zum Gottesdienst und Sie werden die Predigt mit ganz anderen Ohren hören. Versprochen!

Es kann übrigens hilfreich sein, wenn Sie Ihren Pfarrer zum Mitmachen bewegen. Dann hat man gleich bei Fragen einen Fachmann dabei. Aber eine Bedingung ist das nicht. Martin Luther hat die Bibel ins Deutsche übersetzt, damit wirklich jeder sie lesen kann, nicht nur die Theologinnen und Theologen. Das ist Teil des Priestertums aller Getauften: Wir brauchen grundsätzlich keinen Vermittler, sondern der Heilige Geist selbst schließt Gottes Wort auf. Aber manchmal ist ein Wissensvorsprung hilfreich.

Sie könnten aber auch überlegen, ob Sie mit Ihrer Gemeinde nicht an der Ökumenischen Bibelwoche teilnehmen.  Jedes Jahr treffen sich dazu Christinnen und Christen unterschiedlicher Konfessionen um miteinander an einigen Abenden gemeinsam über Bibeltexte nachzudenken. Altes und Neues Testament wechseln sich dabei regelmäßig ab. Für das Jahr 2013 wurden Texte aus dem Markusevangelium ausgewählt. Bei der Deutschen Bibelgesellschaft gibt es Vorbereitungshilfen und Arbeitsmaterialien dafür. Sicher wird die Bibelwoche auch in der Nähe Ihrer Gemeinde begangen. Wir können dabei erleben, wie uns Gottes Wort auch mit Christenmenschen aus anderen Kirchen verbindet.

Oder aber Sie veranstalten in Ihrer Gemeinde einmal eine Art Bibelseminar. Warum nicht drei Abende zum Propheten Amos oder zum Römerbrief? Dazu könnten Sie sich einen Referenten einladen (z.B. einen der Oberurseler Professoren) oder Sie bilden mit Ihrem Pfarrer ein Team zur Vorbereitung.

Es gibt unheimlich viele Möglichkeiten, sich der Bibel zu nähern. Wenn Sie gute Erfahrungen gemacht haben, teilen Sie uns die doch mit, damit andere davon lernen können.

Aus der unübersehbaren Fülle der vielen Hilfsmittel, die es zum Bibellesen gibt, möchte ich nur hinweisen auf die Stuttgarter Erklärungsbibel. Sie bietet den Luthertext in der Revision von 1984. Dazu gibt es ausführliche Einleitungen in jedes biblische Buch und einen fortlaufenden Kommentar zum Bibeltext. Die Einführungen und Kommentare stammen von anerkannten Bibelwissenschaftlern und versuchen sehr gelungen, den derzeitigen Forschungsstand verständlich zu vermitteln. Die umfangreichen Begriffserklärungen am Schluss sind schon ein kleines Bibellexikon für sich. Die Stuttgarter Erklärungsbibel gibt es als schönes Buch in unterschiedlichen Ausgaben. Vor allem möchte ich hier auf die Ausgabe als App für Smartphones und Tablet-PCs hinweisen. Die ist nicht nur viel günstiger, sondern so passt auch viel Text in die Hosentasche.

Dann sei noch das „Wissenschaftliche Bibellexikon im Internet“ (WiBiLex) empfohlen. Unter www.wibilex.de bietet die Deutsche Bibelgesellschaft den kostenlosen Zugang zu einem Lexikon, das von führenden deutschsprachigen Exegeten verantwortet wird und trotz aller „Wissenschaftlichkeit“ sehr verständlich ist. Eine wahre Fundgrube für alle, die wissen wollen, wer die Assyrer waren oder was Götzenopferfleisch ist. Das Lexikon wächst ständig.

Zum Jahr der Bibel 2003 hat die SELK eine Reihe von Arbeitshilfen für Bibelkreise herausgegeben. Diese haben nichts an Aktualität eingebüßt und stehen noch zur Verfügung:

1. Zum Buch Amos: http://www.selk.de/download/bibeljahr%201.pdf

2. Zu den Vätergeschichten des 1. Buches Mose: http://www.selk.de/download/Hauskreis__Band%202.pdf

3. Zum Markusevangelium: http://www.selk.de/download/Hauskreis_Band3.pdf

4. Zum Philipperbrief: http://www.selk.de/download/Hauskreis_Band4.pdf

Achim Behrens

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Eine wertvolle Arbeitshilfe zum Download als WORD®-Dokument: Anmerkungen zu Bibelübersetzungen