15.01.2013

Vom Priestertum aller Getauften

Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.  1. Petrus 2, 9

Zwei Geschichten

Sonja liebt ihren Beruf als Krankenschwester. Seit einiger Zeit fallen ihr die Umstellungen von der Nachtschicht zur Tagschicht schwer. Allerdings geht es während der Nachtschicht auf ihrer Station B – Innere- deutlich ruhiger zu, als etwa in der Frühschicht. Neulich, die Patientin, mit der Leukämie-Diagnose, eine junge Frau, Mutter von zwei goldigen Kindern: Gegen 23 Uhr war es, als sie nach der Schwester klingelte. Sonja unterbrach das Medikamente stellen für den Frühdienst. „Schwester, ich kann nicht schlafen. Können sie mir ein Schlafmittel geben?“ Intuitiv zieht sich Sonja einen Stuhl ans Bett und setzt sich. „Haben sie Schmerzen?“ fragt die erfahrene Schwester. „Nein, eigentlich nicht. Aber mir geht so viel durch den Kopf. Werde ich’s schaffen?“ Sonja weiß, dass die Prognosen durchaus positiv sind und versucht, die Patientin zu ermutigen, fragt dann aber nach: „Sie machen sich sicher Sorgen um ihre Kinder? Neulich nachmittags habe ich die beiden gesehen…“ „Was wird aus ihnen wenn ich nicht wieder gesund werde? Ich möchte sie so gern heranwachsen sehen.“  Als Sonja nach einiger Zeit merkt, dass das Gespräch zu Ende geht fragt sie: „Möchten sie, dass ich mit Ihnen bete?“ Und die Patientin antwortet ohne Umschweife: „Ja, ich glaube das wäre jetzt gut.“

„Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft“, schreibt der Apostel Petrus und spricht damit die Gemeinde der Briefadressaten an, getaufte Christen. Priesterlicher Dienst ist ein besonderer Vermittlungsdienst zwischen Gott und Menschen. Das lateinische Wort für Priester lautet „Pontifex“ – wörtlich „Brückenbauer“. Schwester Sonja hat eine Brücke gebaut, die aus dem Patientenzimmer auf Station B in den Himmel direkt zu Jesus Christus reicht. Kraft ihrer Taufe ist sie zur Brückenbauerin für eine sorgenvolle Patientin geworden.

Marvins Mutter ist alleinerziehend und sie ist zu oft überfordert. Ihre 75 % Stelle bei einem „Gebäudemanagement-Unternehmen“ lässt ihr zu wenig Zeit für ihre Kinder. Reduzieren kann sie nicht, denn der Vater der Kinder zahlt zu unregelmäßig und zu wenig. Es sieht chaotisch aus zu Hause. Überall liegen Wäschestücke – gewaschen immerhin. Spielzeug und Werbezeitungen werden hin und her geschoben.

Marvin liest gern und schnell. Aus der Kinderbibelwoche der Kirchgemeinde in der Nachbarschaft hat er eine Kinderbibel mitgebracht. Wenn er sie aufschlägt und zu lesen beginnt, taucht er in eine ganz neue Welt ein. Die Ordnung der Buchstaben und Klarheit der Bilder fasziniert ihn. Es ist für ihn, als ob ein helles Licht aus den Geschichten heraus in das Grau seines Alltags scheint.  Zum Abschlussgottesdienst der Kinderbibelwoche hatte er seine kleine Schwester mitgenommen und seine Mutter hatte gesagt, dass sie das nächste Mal mitkommen wolle, wenn es den Kindern dort so gefällt.

„Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft“, kann hier von einem Kind gesagt werden, das die Dimension des Glaubens in das alltägliche Chaos einer Familie holt, ein wahrhaft priesterlicher Dienst ganz im Sinne des Apostels Petrus.

Vor der Taufe Bettler – nach der Taufe Könige

Die Lehre vom Priestertum aller Getauften biblisch hat einen biblischen Ursprung. Das Erlösungswerk Christi, das in der Taufe verbindlich an sein Ziel in einem Menschenleben kommt, verändert den Stand eines Menschen grundlegend und radikal.

Vor unserer Taufe waren wir Bettler – nun sind wir Könige und Erben der Ewigkeit.

Vor unserer Taufe waren wir ungeistlich – nun sind wir alle Priester.

Vor unserer Taufe waren wir geistlich tot – nun sind wir wiedergeboren zum Leben.

Dr. Martin Luther schreibt vom Priestertum der Getauften: „Über dies sind wir Priester, das ist noch viel mehr, denn König sein, darumb, dass das Priestertum uns würdig macht, vor Gott zu treten und für andere zu bitten … Also hat uns Christus erworben, das wir mögen geistlich für einander eintreten und bitten, wie ein Priester vor das Volk tritt und bittet … Denn ob wir wohl alle gleich Priester sind, so könnten wir doch nicht alle dienen oder schaffen und predigen.“ ( Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen von 1520).

Dieses Zitat lässt schon erkennen, dass es theologisch nicht sachgerecht ist, das Priestertum aller Getauften gegen die Ordination von Pfarrern auszuspielen. In der christlichen Kirche gibt es vielmehr sehr verschiedene Dienste, deren grundlegendster das Priestertum alle Getauften ist. Es gibt aber zum Beispiel auch Diakone und nicht alle Glieder einer Gemeinde sind Diakone, sondern nur diejenigen, die dazu begabt und gesandt sind. Es gibt das Amt des Kirchenmusikers oder Lehrers. Aber nicht alle sind Kirchenmusiker, Lehrerinnen oder Lehrer, sondern nur diejenigen, die dazu begabt und gesandt sind. Es sind auch nicht alle Pfarrer, sondern nur diejenigen, die dazu in der Ordination gesandt und begabt sind.

Nicht Konkurrenz sondern Ergänzung der Dienste

Die Liste der Dienste und Ämter ließe sich noch fortsetzen und heute auch um  aktuelle Erfordernisse ergänzen. Unsere Kirche ist reich gesegnet mit zahlreichen ehrenamtlichen oder hauptamtlichen Diensten. In den Gemeinden, in denen die verschiedenen Dienste nicht miteinander konkurrieren, sondern sich ergänzen und bereichern, dort kann Kirche geistlich wachsen. Wo hingegen zum Beispiel ein Pfarrer sein schwaches ego aufbauen zu müssen meint, indem er überall sein „Amt“ hervorhebt, wird er zum „Pfaffen“. Und dort, wo Gemeindeglieder meinen, Kirche könne auch ohne den Dienst des ordinierten Pfarrers auf Dauer gut zurechtkommen, da laufen die Dinge verkehrt. Denn um im öffentlichen Gottesdienst zu predigen und die Sünden gerichtsgültig zu vergeben und im Abendmahl Brot und Wein zu segnen, dazu braucht es den Auftrag und die Begabung der Ordination.

Geschwister in Christus

„Gemeinde – Geschwister in Christus“, so lautet das Jahresthema 2013 zur Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum. Es lohnt sich, die verschiedenen Bilder von Gemeinde und Kirche aus der Heiligen Schrift zusammenzutragen. In diesem Jahresthema verbirgt sich das Bild der Familie, das Jesus Christus selbst verwendet (Matthäus 12,48 f). Das priesterliche Volk aus 1. Petrus 2,9 ist auch ein solches Leitbild. Der Apostel Paulus verwendet für die Gemeinde den Vergleich mit einem menschlichen Leib. Wir sind viele sehr verschiedene Glieder mit unterschiedlichsten Begabungen aber ein Leib unter dem Haupt, Christus (z.B. Epheser 4,15-16). Aber auch das Bild von der Herde und ihrem Hirten findet sich im Neuen Testament, etwa in Johannes 21,15ff.

Die Gemeinde wird im 1. Petrusbrief (4,10) mit einem Haus verglichen, in dem es Haushalter gibt. Petrus schreibt: „Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die gut6eh Haushalter der mancherlei Gnade Gottes….“ Das Gespräch in unseren Gemeinden über unser gemeinsames „Gemeinde-Sein“, über unser gemeinsames Priestertum bei aller Verschiedenheit aller Dienste und Begabungen lohnt sich.

Bischof Hans-Jörg Voigt