10.12.2012

Das Nunc dimittis – der Lobgesang des Simeon

Nunc dimittis – so lauten auf Latein die Anfangsworte im Lobgesang des Simeon. Sie bedeuten übersetzt „Nun entlässt du (Herr, deinen Diener)“. In diesem Lobgesang preist der greise Simeon das neugeborene Jesuskind als den von Gott gesandten Heiland der Welt (Lukas 2, 29–32). In unseren Gottesdiensten singen wir das Nunc dimittis gegen Ende der Abendmahlsausteilung oder unmittelbar danach.

Im Abendmahl lässt uns Christus teilhaben an seinen himmlischen Gaben: Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit. Deshalb gehe ich ganz anders vom Altar zurück, als ich hingegangen bin: erleichtert, getröstet und gestärkt. Diese großen Gaben kann man nicht stillschweigend hinnehmen. Dafür muss man Gott einfach loben und danken. Dementsprechend sagt unsere Gottesdienstordnung, dass gegen Ende der Austeilung oder unmittelbar danach das Lutherlied „,Gott sei gelobet und gebenedeiet‘ oder ein anderes Danklied oder das Nunc dimittis“ gesungen wird. Dass wir gegen Ende der Abendmahlsfeier meist den Lobgesang des Simeon anstimmen, ist schon etwas Besonderes. Das findet man sonst kaum. Das Nachschlagewerk wikipedia weist ausdrücklich darauf hin, dass „in einigen lutherischen Kirchen wie der Selbständigen Evangelisch- Lutherischen Kirche, der Lutherischen Kirche-Missouri- Synode und der Evangelisch-Lutherischen Kirche Kanadas“ das Nunc dimittis auch als Danksagung in der Abendmahlsliturgie verwendet wird. Denn traditionell ist das Nunc dimittis ein fester Bestandteil der Komplet. Das ist das Nachtgebet der Kirche, das vor allem in den Klöstern gesungen wird. Aber der Lobgesang des Simeon eignet sich auch besonders gut als Danklied für das heilige Abendmahl. Wir stehen da in einer ähnlichen Situation wie Simeon:

„Meine Augen haben deinen Heiland gesehen …“

So jubelt und freut sich der greise Simeon, als er den etwa fünf Wochen alten Säugling Jesus in seinen Armen hält. Maria und Josef hatten das Jesuskind in den Tempel gebracht, um nach alttestamentlicher Vorschrift für ihn ein Opfer darzubringen. Wie viele Babys wird Simeon dort schon gesehen haben?! Aber bei diesem einen, bei Jesus, jubelt er: „Das ist mein Heiland! Der Heiland für die Welt!“ Das Baby sieht aus wie jedes andere auch. Und doch erkennt er in ihm das Einmalige. Im Abendmahl sehen wir Brot und Wein. Es sind Hostien aus ganz normalem Mehl und Wasser. Es ist Wein, wie es ihn überall gibt. Mehr sehen wir nicht. Und doch singen auch wir mit Blick auf das Abendmahl: „Meine Augen haben deinen Heiland gesehen!“ Wir sehen ihn mit den Augen des Glaubens. Die Augen des Glaubens aber sehen mit den Ohren:

„… wie du gesagt hast.“

Bei Simeon heißt es: „Ihm war ein Wort zuteil geworden von dem Heiligen Geist.“ Er sollte nicht eher sterben, bis er den Heiland gesehen habe. Es ist das Wort Gottes, das Simeon in den Tempel führt. Es ist Gottes Heiliger Geist, der ihn erkennen lässt, wen er da vor sich hat. Auch im Abendmahl hängt alles an dem Wort Jesu: Das ist mein Leib! Das ist mein Blut! Und durch die Kraft des Heiligen Geistes drückt Gott diesem Wort den Stempel auf: Das ist amtlich. Das ist wahrhaftig und verlässlich. „Wie du gesagt hast“, das ist das Fundament, worauf Simeon sich mit seinem Glauben gründet. Und darauf können auch wir bauen, wenn Christus sich mit seiner ganzen himmlischen Größe und Herrlichkeit in die Windeln von Brot und Wein hüllt und uns schon hier und heute teilhaben lässt an seinen himmlischen Gaben.

„Nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren“

Simeon hat das Ziel erreicht. Das sehnliche Warten hat ein Ende. Nun kann er im Frieden seinem Ende entgegengehen. „Gehet hin im Frieden!“ Unter diesem Zuspruch gehen wir vom Abendmahl zurück in den Alltag. Ich bin wieder versöhnt mit Gott und durch ihn mit denen, die mit mir am Altar gekniet haben. Als junger Pastor war ich am Heiligen Abend unterwegs zu einem Gottesdienst. Am Ausgang meines Wohnorts nahm ich einen Anhalter mit. Er erzählte mir, er sei unterwegs zu einer Friedensdemonstration. Und nach einigem Hin und Her sagte ich: „Ich bin auch unterwegs zu einer Friedensdemo.“ Und dann habe ich ihm erzählt von den Engeln von Bethlehem und von dem Frieden auf Erden, der in seiner ganzen Tiefe nur da erreicht werden kann, wo Gott in der Höhe die Ehre gegeben wird. Deshalb lag Jesus in der Krippe. Und deshalb hüllt er sich heute in Brot und Wein. Das heilige Abendmahl stärke und bewahre uns im Glauben, dass auch wir am Ende im Frieden fahren können.

Werner Degenhardt

Dieser Artikel erschien in der „Lutherischen Kirche“ 11/2012 und ist mit Bildern hier als PDF zum Download bereit: LuKi 11 – Nunc dimittis