8.10.2012

Das Agnus Dei – „Christe, du Lamm Gottes“

Agnus Dei ist lateinisch und bedeutet übersetzt „Lamm Gottes“. Man versteht darunter einen schon aus der alten Kirche stammenden Hymnus an Christus als das endzeitliche „Lamm Gottes“ (Offenbarung 7,9-17). Es wurde seit dem 7. Jahrhundert während der Brotbrechung gesungen; seit den 9. Jahrhundert wird es, wie heute bei uns üblich, unmittelbar vor oder zu Beginn der Austeilung angestimmt.

Seht das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt! – Ursprünglich ging es wohl bei diesem Ruf Johannes des Täufers (Johannes 1,29) im Anblick des herannahenden Jesu lediglich um eine Art „Wortspiel“, das den Gleichklang der hebräischen Worte für Knecht und Opferlamm nutzten wollte. Es sollte den umstehenden Hörern deutlich machen: Jesus aus Nazareth ist der beim Propheten Jesaja (52,13-53,12) verheißene und sehnsuchtsvoll erwartete Gottesknecht.

Bei dem „Wortspiel“ von einst ist es nicht geblieben, sondern es wurde mit zum zentralen Sinnbild für Jesu Wirken und Wesen: Christus, das Gotteslamm, gestorben zum Heil und Wohl der ganzen Welt und zugleich verherrlicht als thronend im Himmel und angebetet von allen Mächten und Gewalten des Universums.

Lamm Gottes unter uns

Es gehört zu den größten Geheimnissen und Unbegreiflichkeiten unseres Glaubens (und dies bekennen wir ja auch in jeder Mahlfeier), dass Jesus Christus, der für uns gestorbene und auferstandene Herr, bei eben jeder dieser Feiern in Brot und Wein (also in ganz unscheinbaren Dingen täglicher Nahrung und täglichen Lebens) mit seinem Leib und Blut nicht nur wahrhaft unter uns weilt, sondern sich uns auch gibt, so dass wir ihn regelrecht haben -ja, er uns ganz zu eigen wird.

Lamm Gottes in uns

Näher kann uns keiner mehr kommen als unser Herr Jesus Christus, denn was könnte näher sein, als einer, der in uns hinein kommt, Wohnung in uns nimmt, eins wird mit uns und von dieser inneren Einheit heraus unser Dasein bestimmt.

Martin Luther formuliert es in seiner Gründonnerstagspredigt des Jahres 1523

so: „Siehe, so wirst du denn ein Kuchen mit Christus, dass wir treten mit ihm in

eine Gemeinschaft der Güter und er in eine Gemeinschaft unserer Güter. So

flicht sich denn ineinander, dass seine Gerechtigkeit mein wird, meine Ungerechtigkeit sein; sein gutes Leben mein, mein böses Leben sein; und summa summarum: er nimmt sich alles unseres Dings an wie des seinen, und wir nehmen uns wiederum des seinen an wie des unseren.- Siehe, wenn du dahin kommst, was willst du mehr? Da bist du schon im Paradies und bist selig.“

Lamm Gottes in uns – durch diese Verbindung verwandelt sich unser ganzes Menschsein, die uns umbrandenden und von Gott abziehenden Kräften werden abgewendet und unser ganzes Sein in das göttliche Geschehen hineingenommen, alle scheinbaren Herren unseres Lebens, die unser Herz so voll Unruhe, Angst und Sorge machen, verlieren ihre nur angemaßte Größe und wir können nun dies alles, mit seinen Anfechtungen, Rätseln und Ungelöstheiten hinter uns lassen.

Lamm Gottes für uns

„Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt“ – Wer unter uns könnte ausloten, was das heißt, die Sünde der Welt auf sich zu nehmen?

Wir tragen ja meist bereits schwer genug an unseren eigenen Verfehlungen tragen und leiden doppelt, wenn Verkehrtheit, Unrecht und Schuld uns nahestehender Menschen, für die wir irgendwie Verantwortung tragen, sich uns als eine kaum tragbare Last auf das Herz legen. – Wer vermag das zu sagen oder auch nur zu ahnen, was das heißt, die Sünde der ganzen Welt, der ganzen Gott entfernten und in unlösbarer Schuld verstrickten Welt auf sich zu nehmen und zu tragen?

Niemand wird es je voll begreifen können oder gar erfassen – und dennoch ist es wahr und einst geschehen damals am Kreuz, damals auf Golgatha. Und zugleich ist es kein Ereignis von einst, sondern gilt uns, sind wir mit dabei und mit gemeint, da dieses heilige Sühnegeschehen bei jeder Mahlfeier immer wieder neu gegenwärtig und jedem einzelnen zugesagt und zugesprochen ist: Christi Leib für dich gegeben; Christi Blut für dich vergossen!

Michael Bracht

Dieser Artikel erschien in der „Lutherischen Kirche“ 08/2012 und ist mit Bildern hier als PDF zum Download bereit: LuKi 09 – Agnus Dei