27.08.2012

Pilgerwege zum Heiligen Abendmahl

Die so genannten Bereitungsgebete nehmen das Vergebungsangebot Gottes an den Sünder auf. Sie wollen – so Andreas Volkmar – nicht belasten, sondern entlasten

„O Herr, ob ich zwar nicht wert bin, dass du in mein Herz eingehest, so bin ich notdürftig  deiner Hilfe und begierig  deiner Gnade, dass ich möge fromm und selig werden.“ So beginnt eines der Gebete, das sowohl im Evangelisch-Lutherischen Kirchengesangbuch (S. 1178, Nr. 3) wie auch in der Evangelisch-Lutherischen Kirchenagende (S. 282, Nr. 3) abgedruckt sind und der Vorbereitung zum Heiligen Abendmahl dient.  Dieses Gebet nimmt das Bekenntnis des Hauptmanns von Kapernaum (Matthäus 8.8) auf, der in der Begegnung mit Jesus Christus seine Unwürdigkeit erkennt. Zugleich ist er aber voller Freude und Erwartung, dass ein Wort Jesu ausreicht, um seinen kranken Knecht zu heilen: „Sprich nur eine Wort, so wird mein Knecht gesund!“

Diese Spannung zwischen nüchterner Sündenerkenntnis und freudiger Erwartung des Heiles nimmt auch dieses Vorbereitungsgebet für das Heilige Abendmahl auf: „Nun komme ich in keiner anderen Zuversicht denn auf dein Wort,  da du mich selber zu diesem Tisch ladest und sagest mir Unwürdigem zu, ich soll Vergebung meiner Sünden haben durch deinen Leib und Blut, so ich esse und trinke von deinem Sakrament.“

Obwohl dieses und andere Gebete in Gesangbuch und Agende unter der Überschrift  „Vorbereitung“ stehen, werden doch jeweils andere Akzente gesetzt.

Die Gebete in der Agende haben ihren Ort im Gottesdienst selbst. Die Agende und auch das kleine Büchlein „Vernünftiger Gottesdienst“ (Oberurseler Heft 33, S. 32f) von Ralph Bente empfehlen diese Gebete zu verwenden, wenn der Gottesdienst nach der Form B gefeiert wird, aber der Lobpreis samt Bitte um den Heiligen Geist (Epiklese) und das Heilsgedächtnis (Anamnese) wegfallen sollen. Die Form B zeichnet sich dadurch aus, dass das Vaterunser den Einsetzungsworten nachgeordnet ist und der Lobpreis und das Heilsgedächtnis diese umschließen. Werden Lobpreis und Heilsgedächtnis gebetet, blicken wir als ganze Gemeinde vor allem auf das Heilshandeln Gottes in und durch Jesus Christus. Diese Form eignet sich gut für die großen Feste der Kirche, wenn wir diese Heilstaten feiern. Das bereits angesprochene Vorbereitungsgebet und auch die drei anderen der Agende legen den Schwerpunkt auf unser persönliches Verhältnis zu Gott. Alles soll von uns genommen, was die Verbindung zu Gott stören könnte. Diese Variante eignet sich für Sakramentsgottesdienste in der Woche oder Hausabendmahle, wo das persönlich Seelsorgliche stärker im Blick ist.

Im Gesangbuch wird die „Vorbereitung“ weiter gefasst. Hier beginnt sie schon vor der Feier des Gottesdienstes. Diese Vorbereitung gleicht einem Pilgerweg. Unsere Zeit entdeckt das Pilgern wieder. Der Pilger hat einen Zielort vor Augen, wo einst Gottes Zuwendung erfahren wurde. Es besteht die Hoffnung, dass sich ähnliche Erfahrungen im Leben des Pilgers wiederholen.

Die große Entdeckung beim Pilgern ist, dass nicht nur das Ziel selbst, sondern schon der Weg dahin uns geistlich bereichern kann. Auch wenn der Weg nicht das Eigentliche ist, so kann er eine gute Hilfe sein, das Ziel mit größerer Freude zu erwarten.

Immer wieder wird berichtet, wie man sich früher liebe- und ehrfurchtsvoll darauf vorbereitete. Tage des Gebetes, manchmal auch des äußeren Fastens und vor allem die Bereitschaft zur Versöhnung gegenüber dem Nächsten gingen ihm voraus.

Nicht alle Erfahrungen waren tröstlich! Es gab Missverständnisse. So führte eine misslungene Versöhnung dazu, dass mancher das Abendmahl mied. Ebenso litt der häufige Empfang darunter, weil man es nicht immer schaffte, sich recht vorzubereiten. Groß war die Sorge, dass man sich das Heilige Abendmahl zum Gericht essen könnte! Wird dieser Weg das eigentliche Ziel, ist die Angst größer als die Freude, verstehen wir die Vorbereitung nicht recht.

Die Vorbereitung will nicht be-,  sondern entlasten. Die Vorbereitung will uns ermutigen, Christi Leib und Blut in Freude zu empfangen. Nicht unsere Würdigkeit führt uns zum Tisch des Herrn, sondern sein einladendes Wort.

Andreas Volkmar

Dieser Artikel erschien in der „Lutherischen Kirche“ 08/2012 und ist mit Bildern hier als PDF zum Download bereit: LuKi 08 – Pilgerwege