27.08.2012

Das Heilsgedächtnis

Das Heilsgedächtnis ist nicht überflüssiger Ballast oder Zierrat der Abendmahlsfeier, sondern, wie Gert Kelter in seinem Beitrag herausstreicht, ein überschwängliches Lob der großen Taten Gottes durch seinen Sohn Jesus Christus.

Hatte Luther nicht die Abendmahlsliturgie von allen überflüssigen Gebeten gereinigt? Hat er nicht deshalb liturgische Ordnungen geschaffen, die als einziges Gebet der Abendmahlsfeier das Vaterunser vorsieht? Ist es also überhaupt „lutherisch“ von diesen Vorgaben abzuweichen und zusätzliche Gebete wie die Bitte um den Heiligen Geist (Epiklese) und das Heilsgedächtnis (Anamnese) „einzuschieben“?

Ja, Luther wollte, dass die Messe nichts anderes sei, als ein einziger Lobpreis der Heilstaten Gottes, ein einziger Dankgesang der Kirche für das empfangene Heil. Die römische Messe, die er vorfand, verdunkelte die Wahrheit, dass wir nur Empfangende und Gott der einzige Geber aller guten Gaben ist, dass wir selbst das Lob- und Dankopfer unserer Lippen nur als Gnadengabe Gottes empfangen.

Luther wollte, dass der Gottesdienst wieder würde, was er nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes war und sein sollte: Verkündigung des Todes und der Auferstehung des Herrn Christus bis zu seiner Wiederkunft in Herrlichkeit. (1 Kor 11, 26)

Luther fehlten geeignete Vorlagen und so ersetzte er das Alte nicht durch Neues oder Besseres noch Älteres, sondern strich und reduzierte. Übrigens „strich“ er in seiner „Deutschen Messe“ (1526) auch das Große Dankgebet, die Präfation, die in unseren Gottesdiensten völlig selbstverständlich ist, ob wir sie nun nach der schlichteren Form A oder der reicheren Form B feiern.

Dass wir im Gottesdienst den dreieinigen Gott für seine Heilstaten loben und preisen und ihm dafür danken, wird von niemandem bezweifelt. Gibt es also ein Maß des Dankens, so als hätte Gott uns nicht übermäßig und maßlos Grund zum Danken gegeben?

Ja, auch die Präfation zu Beginn der Sakramentsfeier ist ein Dankgebet, stellt aber jeweils ein besonderes Heilsereignis in den Mittelpunkt. Die Anamnese, das Heilsgedächtnisgebet nach den Einsetzungsworten ist deshalb aber keine unnütze Doppelung. Sie nimmt in großem Überschwang genau das auf, was der Apostel Paulus als das Wesen der Abendmahlsfeier beschreibt: Sie verkündigt den Tod und die Auferstehung des Herrn. Sie ruft in die Gegenwart, was Gott in Jesus Christus „damals“ getan hat und vergißt nicht, dass Gott in Zukunft unser Heil zur Vollendung bringen wird, wenn wir, wie es im Heilsgedächtnis heißt, „mit allen Gläubigen das Hochzeitsmahl des Lammes feiern in seinem Reich.“

„Solches tut zu meinem Gedächtnis“, hat Christus bei der Einsetzung des Heiligen Abendmahls gesagt. Dieses „Gedächtnis“ ist ein verkündigender Vergegenwärtigungsakt, also lobpreisendes Gebet der Gemeinde und nicht etwa nur rationale Erinnerung des Einzelnen.

Nicht zuletzt vergegenwärtigen wir uns in diesem wunderbaren Gebet, was gerade jetzt, wenn wir zum Gottesdienst versammelt sind, geschieht: Christus, unser Hoherpriester vertritt uns, tritt für uns ein im himmlischen Heiligtum vor Gott, dem Vater. Als unser Helfer und Fürsprecher, Retter und Erlöser.

Und schließlich: Wenn es auch (und das galt ja von Anfang an in der Kirche und wird schon im Neuen Testament so bezeugt) leider immer noch nicht möglich ist, gemeinsam mit allen Christen den Leib und das Blut Christi an einem Altar zu empfangen, so haben wir doch auch in den noch getrennten Sakramentsfeiern geistliche Gemeinschaft miteinander. Auch daran „erinnert“ die Anamnese, wenn es dort heißt: „Und wie wir alle durch die Gemeinschaft seines Leibes und Blutes ein Leib sind in Christus, so bringe zusammen deine Gemeinde von den Enden der Erde und lass uns mit allen Gläubigen…“.

In diesem Satz wird die ganze Kirche gegenwärtig, die lebenden und die verstorbenen Christen, die vor uns waren, mit uns sind und nach uns kommen: Sie alle haben ihren Platz in diesem Heilsgedächtnis, indem wir Gott bitten, dass wir mit ihnen einmal einen Platz am Tisch des Lammes in seinem Reich haben mögen.

Gert Kelter

Dieser Artikel erschien in der „Lutherischen Kirche“ 07/2012 und steht hier als PDF zum Download bereit: LuKi 07 – Heilsgedächtnis