17.04.2012

Das Mahl im Kreis der Jünger

Eine Bildbetrachtung von Prof. Achim Behrens zu Sieger Köders bemerkenswertem Werk „Abendmahl“.


„Abendmahl“ (1989) – Sieger Köder

© Rottenburger Kunstverlag VER SACRUM, 72108 Rottenburg / Neckar (Informationen und Bezugsquellen per Klick auf das Bild)


Das Bild des katholischen Priesters Sieger Köder führt zurück in die Nacht des letzten Abendmahls Jesu mit seinen Jüngern, in „die Nacht, da er verraten ward“ (1Kor 11,23). Das Bild lädt zugleich zur Vergegenwärtigung und zu eigenen Entdeckungen ein. Die folgenden Beobachtungen können auch als Anleitung für ein Gruppengespräch dienen, in dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer möglichst viel selbst entdecken.

Der Betrachter sieht auf den Abendmahlstisch aus der Perspektive Jesu. Wir sehen gleichsam Jesus über die Schulter. Christus selbst wird vom Künstler nicht dargestellt. Lediglich seine Hände sind zu sehen. Sie geben Brot und Wein.

Um den Tisch sitzen die Jünger. Vorne links in blau nimmt Petrus das Brot, vorne rechts der „Lieblingsjünger“ Johannes in rot. Petrus, ernst aber Christus zugewandt, will seinen Herrn nicht verleugnen – und wird es doch tun. Johannes scheint müde oder traurig – in Gethsemane wird auch ihn der Schlaf übermannen. Die übrigen Jünger sind verzagt, nachdenklich, erschrocken. Zum Teil stützen sie sich gegenseitig. Die Stimmung ist angespannt. Der traurige Schlusspunkt ihres Weges mit Jesus steht unmittelbar bevor. Wovon sollen sie leben, wenn ihnen ihr Herr genommen wird? In der oberen linken Bildecke verlässt Judas den Abendmahlsraum. Wie ein Räuber sieht er aus, nur noch ein Schatten seiner selbst. Aber auch er hat das Mahl geteilt, auch er hat die Gaben von Jesus empfangen.

Das Zentrum des Bildes stellt der Tisch mit einem strahlenden Tischtuch dar. Auch in der angespannten Situation in der Nacht der Gefangennahme soll es noch feierlich zugehen. Denn der Herr isst und trinkt mit seinen Leuten. Auf dem Tisch liegt gebrochenes Brot, das auf den ersten Blick wie eine große Familienpizza aussieht. Bei genauem Hinsehen erkennt man, dass die Bruchkannten des Brotes das Symbol ☧ bilden. Was aussieht wie die ineinander geschriebenen Buchstaben X und P, stellt in Wahrheit die griechischen Buchstaben Chi und Rho dar, die beiden ersten Buchstaben des Wortes christos, der Gesalbte: Christus. Sehr geschickt malt Sieger Köder den Satz „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird“ (1Kor 11,24) und schafft es so, das Ist, die Identität zwischen Leib und Brot sichtbar zu machen. Bei noch genauerem Hinsehen lässt sich in dem Schatten über dem Tisch bereits das Kreuz erkennen. Auch das Kreuz, das sühnende Sterben Christi ist in dem Brot gegenwärtig.

Im Bildvordergrund ist der Kelch zu sehen, der von den gebenden und zugleich dankenden Händen Jesu gerahmt ist. In der Oberfläche des Weines spiegelt sich das Angesicht Christi. „Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut“ (1Kor 11,25). Wieder wird die Identität zwischen Blut und Wein bildlich sehr zurückhaltend und doch sehr eindrücklich dargestellt. Das gespiegelte Gesicht Christi ist fast ganz auf die Augen reduziert. Diese Augen sehen die Betrachterin und den Betrachter an: Wir werden mit hineingenommen in dieses geschehen. Wir gehören mit an diesen Tisch! Christi Blut wurde auch für uns vergossen. „Das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis“ (1Kor 11,25).

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