8.12.2011

Zum Sakrament des Altars

Professor Werner Klän über das lutherische Abendmahlsverständnis und die Unterschiede etwa zur reformierten Wahrnehmung.

Die lutherische Kirche versteht die Worte ihres Herrn, mit denen er das Heilige Abendmahl eingesetzt hat, wörtlich: Nehmt hin und esst: Das ist mein Leib, für euch dahingegeben in den Tod; nehmt hin und trinkt: Das ist mein Blut, für euch vergossen zur Vergebung der Sünden. Diese Stiftungsworte Jesu haben schöpferische Kraft: Sie bewirken, was sie besagen. Die Gleichsetzung von Brot und Wein mit Leib und Blut Christi wird in der Feier des Sakraments wirklich vollzogen, weil er es sagt. So teilt Christus im heiligen Abendmahl aus, was er eingesetzt hat, um die Welt zu erlösen, seinen Leib und sein Blut. Die lutherische Kirche bekennt sich demzufolge zur „Realpräsenz“ des Leibes und Blutes Christi im Altarsakrament.

Die Ehrfurcht vor dem Wort des Herrn und das Vertrauen auf seine Zusage lassen es der lutherischen Kirche unumstößlich gewiss sein, dass Christus tatsächlich jedem gibt und schenkt, was er verspricht. So ist es nicht unerheblich, was wir vom Sakrament des Altars denken und über das, was wir dort gereicht bekommen. Zur rechten Hand Gottes erhöht, haben auch Leib und Blut des gekreuzigten, auferstandenen  und gen Himmel gefahrenen Herrn teil an der Art, wie Gott überall gegenwärtig sein kann. Wir sollen uns nur darauf verlassen, wo er selbst solche Gegenwart versprochen und verheißen hat, wie das im Abendmahl der Fall ist. Insofern ist das Altarsakrament nach lutherischer Auffassung Heilsmittel.

Daher bekennt die lutherische Kirche, dass alle, die zum Tisch des Herrn gehen, wirklich Leib und Blut Christi empfangen, verhüllt, verborgen unter dem, was wir sehen. Und doch ist das, was Christus eingesetzt hat, um die Welt zu erlösen – sein Leib nämlich und sein Blut – wirklich gegenwärtig. Daraus folgt, dass die, denen das Abendmahl gereicht wird, mit dem Mund die Gabe des Herrn im Sakrament empfangen. Was Christus hier austeilen lässt, betrifft, berührt uns ganz und gar, bin in unsere Leiblichkeit hinein.

Die angemessene Weise, Leib und Blut Christi im Abendmahl zu empfangen, ist der Glaube. Zwar ist die Feier des Abendmahls einerseits ein „äußerlicher“ Vorgang: Brot und Wein werden zu dem Zweck gesegnet, Leib und Blut Christi zu sein. Die Gemeinde wird eingeladen, diese Gaben in Gestalt eines Mahles entgegenzunehmen. Dabei gilt aber zugleich: Was Christus gibt, schenkt und austeilen lässt, wird eben im Glauben ergriffen. Dieser Glaube ist aber seinerseits Gottes Geschenk; und Gott selbst ist es, der uns erst empfänglich macht für seine Gaben.

Im Glauben Leib und Blut Christi zu empfangen, schließt ein, dass uns im Abendmahl zugleich alles mitgeteilt wird, was Christus durch seinen todesmutigen Einsatz am Kreuz erworben hat: Vergebung der Sünde, erneuerte Gemeinschaft mit Gott, Stärkung unseres neuen Lebens, Abwehrkräfte gegen die Angriffe der Mächte des Verderbens. Weil Christen solche Erholung und Kräftigung ihres Glaubens dringend brauchen, ergeht die Einladung zum Empfang des Abendmahls in der lutherischen Kirche häufig, möglichst sonntäglich.

In der reformierten Theologie wurde die Gleichsetzung der Gaben von Leib und Blut Christi mit dem gesegneten Brot und Wein nie so aufgefasst wie in der lutherischen Kirche. In der frühen Zeit der Schweizer Reformation erklärte Zwingli die Feier des Abendmahls für ein Gedächtnis, in dessen Vollzug die Heilstaten Christi erinnert und in der Gemeinde vergegenwärtigt werden. Er konnte aber nicht denken und daher auch nicht annehmen, dass der Leib (und das Blut) des Herrn, der seit seiner Himmelfahrt eben „im Himmel“ ist, zugleich auf Erden gegenwärtig sein kann.

Johannes Calvin, der weitaus einflussreichere Theologe der reformierten Kirche, nahm zwar an, dass die Glaubenden Leib und Blut Christi im Abendmahl empfangen, bestritt aber gleichfalls entschieden, dass sie am Altar ausgeteilt werden. Das Abendmahl bringt nichts mehr als es das Wort schon tut; das Sakrament ist nur äußerliches Zeichen der göttlichen Verheißung. So kommt es in der Feier des Abendmahls zwar zu einer Christusgemeinschaft, in der der Heilige Geist Christus und die Glaubenden miteinander verbindet. Doch erhebe sich die gläubige Seele, durch Gottes Geist geleitet, in den Himmel, um dort an Leib und Blut des Herrn teilzuhaben. Das Abendmahl im Sinn Calvins verweist nur auf die Wirklichkeit der Erlösung, trägt sie aber nicht in sich; es ist kein Heilsmittel, wie in der Auffassung Luthers und der lutherischen Kirche.

Diese Sicht wird von der am weitesten verbreiteten Schrift der reformierten Kirche, dem Heidelberger Katechismus (1563), übernommen. Auf die Frage (78): „Wird denn aus Brot und Wein der wesentliche Leibt und Blut Christi?“, lautet die Antwort: „Nein.“ Brot und Wein werden „nach Art und brauch der Sakramente“ zwar „Leib (und Blut) Christi genannt“, sind aber nur „sichtbare Zeichen und Pfand“ eine durch den Heiligen Geist vermittelten – „spirituellen“ – Teilhabe an Christi Leib und Blut Christi, aber eben nicht am Altar. Die reformierte Theologie befürwortet demzufolge eine „Spiritualpräsenz“ oder Personalpräsenz“ Christi bei der Abendmahlsfeier, lehnt aber die lutherische Auffassung der „Realpräsenz“ ab.

In der Zeit der Reformation wurden diese grundlegenden Unterschiede im Verständnis des Herrenmahls als so tief greifend empfunden, dass die lutherischen Kirchen und die reformierten Kirchen keine kirchliche Gemeinschaft halten konnten. Immer wieder gab es daher Anläufe, diese Spaltung zu überwinden. (Aus der Ablehnung solcher Versuche im 19 Jahrhundert, der so genannten „Unionen“, entstanden die bekenntnisgebundenen lutherischen Kirchen.) In neuerer Zeit ist die „Konkordie reformatorischer Kirchen in Europa“ (1973), nach dem Ort ihrer Unterzeichnung „Leuenberger Konkordie“ genannt, als ein breit angelegter Versuch zu nennen, lutherische, reformierte und unierte (vereinigte) Kirchen ihre kirchliche Trennung zu überwinden.

Im Ertrag der „Leuenberger Konkordie“ zum Altarsakrament ist freilich die personale Engführung der Argumentation auffällig: „Im Abendmahl schenkt sich der auferstandene Jesus Christus durch sein verheißendes Wort mit Brot und Wein.“ [15b || 18] „So gibt er sich selbst vorbehaltlos allen, die Brot und Wein empfangen; der Glaube empfängt das Mahl zum Heil, der Unglaube zum Gericht.“ [19]

Es ist der lutherischen Theologie und Kirche jedoch um die heilvolle Gegenwart dessen zu tun, der seinen Leib gegenwärtig setzt durch sein schöpferisches Wort, so dass ausgeteilt und empfangen wird, was Christus selbst zu essen und zu trinken gibt. Dies erschöpft sich freilich nicht in seinem personalen Gegenwärtigsein, so wenig dies von der lutherischen Kirche je geleugnet wurde. Für sie ist freilich das Angewiesensein auf die mit Leib und Blut Christi uns zukommende Gabe von Gnade und Trost mit leibseelisch-heilsamer Wirkung von entscheidender Bedeutung. Gerade die aus konkordienlutherischer Sicht Ausschlag gebende Bestimmung der Gabe des eucharistischen Mahls bleibt in der „Leuenberger Konkordie“ unterbelichtet, wenn als Gegenstände des Empfangens eigentlich nur Brot und Wein angegeben werden. Dagegen bekennt die lutherische Kirche: „kraft dieser [sc. Christi] Worte … hast du hier seinen Leib und Blut, die zu dem Brot und Wein kommen“.

Prof. Dr. theol. Werner Klän

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