19.01.2011

Aber man muss doch glauben?

Aber man muss doch glauben? Über ein schier unüberwindliches Missverständnis

Der folgende Beitrag befasst sich mit einer Verhältnisbestimmung von Glaube und Taufe. Eine Debatte wird aufgegriffen, über die viel Unsicherheit in der Kirche zu herrschen scheint.

Die Säuglingstaufe ist geradezu das Markenzeichen der Lutherischen Kirche, denn an kaum einer anderen Stelle wird das „sola gratia“ – das „allein aus Gnade“ so greifbar. Wie wenig wir zu unserem Heil beitragen können und wie umfassend wir auf die Gnade Gottes angewiesen sind erschließt sich beim Anblick eines Neugeborenen.

Bischof Cyprian von Karthago schreibt um das Jahr 251 einen Brief über die heilige Taufe. Es heißt darin: „Denn sowenig Gott auf die Person sieht, ebenso wenig sieht er auf das Alter, da er sich allen, die die himmlische Gnade erlangen wollen, ohne jeden Unterschied als Vater erweist. … wir dürften von der Taufe und Gnade Gottes, der gegen alle barmherzig und gütig und gnädig ist, niemand fernhalten. … So haben nach unserer Ansicht um so mehr die Kinder und Neugeborenen einen Anspruch darauf. Denn sie verdienen unsere Hilfe und die göttliche Barmherzigkeit schon deshalb in höherem Grade, weil sie gleich nach ihrer Geburt mit ihrem Wimmern und Weinen unablässig Gott anflehen.“ (64. Brief) Das Wimmern und Weinen der Säuglinge ist vor Gott der grundsätzliche Zustand des Menschen, an dem sich auch bis ins Alter nicht wirklich etwas ändert.

Irgendetwas muss man doch tun!

Aber Irgendetwas muss der Mensch doch zu seinem Heil beitragen! Er muss doch wenigstens glauben? Heißt es nicht im Markusevangelium: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden“?

Und die Frage, die sich dann sofort anschließt lautet: Kann ein Säugling überhaupt glauben? In einem Gemeindekreis hat ein Gemeindeglied auf diese Frage die Antwort gegeben, die mich sehr beeindruckt hat: „Ja, ist doch ganz klar! Als Maria, die Gottesmutter, mit ihrem Kind unter dem Herzen Elisabeth besucht, hüpft das Kind Johannes vor Freude.“

Glaube als etwas Empfangenes

Mich hat diese Antwort beeindruckt, denn sie macht deutlich, dass Glaube keine rationale Aktivität des Menschen ist, sondern etwas Empfangenes. Die pränatalen Aktivitäten eines Ungeborenen, den sie später Johannes den Täufer nennen werden, wie auch das Wimmern und Weinen der Säuglinge, von denen Cyprian schreibt, sind insofern wesentlich für den Glauben, als dass sie die Hilfsbedürftigkeit des Menschen verdeutlichen.

Nun hat die Reformation bekanntlich mit der Werkgerechtigkeit Schluss gemacht, also mit der irrigen Auffassung, dass man aus guten Taten heraus die Seligkeit verdienen könne. Ich kann mich allerdings des Eindrucks nicht erwehren, dass die Werkgerechtigkeit auf eine viel subtilere Weise durch die Hintertür wieder Einzug in die Kirche gehalten hat. Der Glaube selbst ist irriger Weise zum Werk des Menschen geworden.

Ich sprach mit einem Pfarrer, der mir erklärte, das mit dem Glauben sei vergleichbar, einem Bettler einen 100-Euro-Schein entgegen zu halten. Zugreifen müsse der Bettler allein. Nein, das ist zwar anschaulich aber falsch. Wir Menschen können in unserer grundlegenden geistlichen Gottesferne nicht einmal mehr dieses Zugreifen realisieren. Auch wenn wir uns subjektiv immer wieder so erleben mögen, als entschieden wir uns zu glauben, so ist doch auch dies umschlossen von der grundsätzlichen Glauben wirkenden Gnade Gottes. „Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch Gottes Gabe ist es“ (Epheser 1,8). Und dass es nicht am „Wollen und Laufen“ eines Menschen liegt „sondern an Gottes Erbarmen“ stellt der Römerbrief klar (9,16).

Glauben als Verstehen und Vertrauen

Glauben lässt sich aus zwei Bestandteilen definieren: aus dem gläubigen Vertrauen gegen Gott (fiducia) und dem verstehenden Erfassen von Glaubensinhalten (notitia). Beide Teile sind in jedem Menschen verschieden stark ausgeprägt und beide Teile, Vertrauen und Wissen, sollten nicht gegeneinander ins Feld geführt werden. Dass der Glaube aus dem Hören der Predigt, aus dem Hören des göttlichen Wortes kommt, ist unumstritten und das deshalb Verstehen und Vertrauen bei kleinsten Kindern verschieden ausgeprägt sind, liegt auf der Hand. Das Säuglinge aber mit ihrer existenziellen Erfahrung der Hilflosigkeit dieses Vertrauen auf Hilfe, diesen vertrauenden Glauben haben können, daran besteht kein Zweifel. Jesu Mahnung, das Reich Gottes wie ein Kind zu empfangen, liegt genau auf dieser Linie.

Glaubensintensität nicht klassifizieren

Den Glauben von Kindern und seien sie auch noch so klein, zuklassifizieren als ausreichend oder nicht ausreichend, ist höchst problematisch. Allerdings neigen wir bewusst oder unbewusst in unserem Glaubensleben ständig zu solchen Klassifizierungen auch im Bezug auf andere Erwachsene. Das Maß ist dabei natürlich die eigene Glaubenspraxis. Alles, was ich tue in meiner Glaubenspraxis und meinem Glaubensleben ist ausreichend und alles was andere weniger tun, reicht natürlich nicht aus. Wenn wir also Kindern den Glauben absprechen, nur weil sie noch keine Andachtsbuch lesen können und die Haushaltsprobleme der Kirchgemeinde noch nicht verstanden haben (ich karikiere!), dann ist das ausgesprochen problematisch.

Ich besuchte ein altgewordenes Gemeindeglied im Pflegeheim. Sie leidet schwer an Demenz und erkennt mich nicht mehr. Sie zeigt keine Reaktion als ich „Befiehl du deine Wege“ anstimme und auch der 23. Psalm ist ihr ebenso fremd wie das Vaterunser. Glaubt sie noch genug, um Gottes geliebtes Kind zu sein? Was unterscheidet ihren Glauben vom Glauben eine Säuglings?

Verlass ist allein auf Gottes Tun

Vom Ende des Lebens her wird deutlich, was Luther im Großen Katechismus vom seinem Anfang her formuliert: „ …Das Kind tragen wir herzu in der Meinung und Hoffnung, dass es glaube, und bitten, dass ihm Gott den Glauben gebe. Aber daraufhin taufen wir es nicht, sonder bloß daraufhin, dass Gott es befohlen hat.“ (Großer Katechismus 4. Hauptstück). Gott hat die Taufe befohlen und allein darauf verlassen wir uns. Eine Klassifizierung des Glaubens nimmt die ganze Gewissheit des Heils und damit letztlich das Geschenk der Taufe. Denn wie es um meinen Glauben bestellt sein wird, wenn ich einmal die Augen schließe, das weiß ich nicht. Aber wie es um meine Taufe bestellt ist, das weiß ich: Sie trägt mich hindurch, ist Gottes Handeln an mir, ist ewig gültig. Das stärkt meinen Glauben, macht mich meiner Ewigkeit gewiss.

Bischof Hans-Jörg Voigt

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