19.01.2011

Die zweite Geburt

In der Taufe schenkt Gott neues Leben. Der Täufling bekommt „Christus angezogen“. Aber was bedeutet das? Was geschieht bei einer Taufe? Pfarrer Dr. Gottfried Martens (Berlin-Zehlendorf) beantwortet im Folgenden häufig gestellte Fragen zur Taufe.

Im Neuen Testament wird nirgends ausdrücklich von Kindertaufen berichtet. Könnte man daraus nicht schließen, dass es auch uns geboten ist, erst Erwachsene zu taufen?

Das Neue Testament schildert die bis heute übliche Taufpraxis in der Mission: Wo das Evangelium Menschen verkündigt wird, die von Christus noch nichts wissen, sind es zunächst die Erwachsenen, die getauft werden. Erst in einem zweiten Schritt stellt sich dann die Frage für die Neugetauften, welche Verantwortung sie für ihre Familienangehörigen haben. Im Neuen Testament wird an verschiedenen Stellen berichtet, dass die Taufe von Erwachsenen „mit ihrem ganzen Haus“ vollzogen wurde. Zum „Haus“ gehörten damals üblicherweise auch Kinder und Sklaven. Vom Kerkermeister in Philippi wird berichtet, dass er sich „und alle die Seinen sogleich taufen“ ließ (Apostelgeschichte 16, 33), wobei jedoch nur vom Glauben des Kerkermeisters selber, nicht von dem der Seinen die Rede ist: Er „freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er (!) zum Glauben an Gott gekommen war“, heißt es nach der Taufe des ganzen Hauses.

Wenn wir heute taufen, dann begründen wir dies jedoch nicht damit, dass wir einfach die Taufpraxis der ersten Christen nachahmen. Sondern wir begründen unser Taufen heute mit dem Befehl Christi und mit den Verheißungen der Heiligen Schrift. Der Taufbefehl Christi in Matthäus 28, 19 gilt allen Völkern ohne Ausnahme. Dabei wird in dem Taufbefehl vorausgesetzt, dass erst die Taufe und dann die Lehre der Getauften erfolgt, genau wie wir es bei der Taufe von Kindern praktizieren. Entscheidend ist jedoch die Erkenntnis, dass die Taufe Gabe und Tat Gottes am Menschen ist, zu der der Mensch so wenig beitragen kann wie ein Kind zu seiner Geburt: Wir werden in der Taufe wiedergeboren aus Wasser und Geist (vergleiche Johannes 3, 5; Titus 3, 5). Dadurch werden wir gerettet (1. Petrus 3, 21). In der Taufe werden wir mit Christus verbunden (Römer 6, 5; Galater 3, 27). All dies sind Geschenke Gottes, die Erwachsenen wie Kindern gleichermaßen gelten. Zugleich wird an dieser Stelle deutlich: Hinter der Frage danach, ob Kinder getauft werden dürfen, steht die Frage, ob Kinder schon der Rettung bedürfen und was eigentlich „Glauben“ bedeutet.

Kinder sind doch noch unschuldig. Wozu brauchen sie eine Taufe zur Vergebung der Sünden?

„Sünde“ meint in der Heiligen Schrift weit mehr als bloß eine böse Tat oder ein moralisches Vergehen. „Sünde“ bedeutet „Trennung von Gott“, ja sie ist eine Macht, die die Menschen „beherrscht zum Tode“ (Römer 5, 21). Dies gilt für alle Menschen ohne Ausnahme: Durch den Ungehorsam Adams sind „die Vielen (gemeint ist: alle Menschen) zu Sündern geworden“ (Römer 5, 19). Sünder werde ich also nicht durch mein Tun, sondern ich bin es schon längst, bevor ich etwas tue. Denn: „Siehe, ich bin als Sünder geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen“ (Psalm 51, 7). Auch Kinder befinden sich von daher vor ihrer Taufe schon unter der „Macht der Finsternis“ (Epheser 1, 13), aus der auch sie errettet werden müssen. Dies kommt in der Liturgie der Kirche zum Ausdruck im Exorzismus: „Im Namen Jesu Christi gebiete ich dir: Weiche, du unreiner Geist, und gib Raum dem Heiligen Geist, dass N. N. ein Sohn/eine Tochter Gottes werde und immerdar bleibe“, heißt es in der neuen Taufagende unserer Kirche. Ein solcher Exorzismus hat nichts mit Horrorfilmen im Fernsehen oder „dämonischer Besessenheit“ zu tun, sondern bringt zum Ausdruck, dass in der Taufe ein realer Herrschaftswechsel stattfindet: Es gibt für uns Menschen keine neutrale „Mittelposition“ zwischen Gott und dem Teufel, aus der heraus wir uns für den einen oder anderen „entscheiden“ könnten. In der Taufe wird der Täufling der Herrschaft Christi unterstellt, die Trennung von Gott wird überbrückt und die verlorene Gemeinschaft mit Gott wird wiederhergestellt (nichts anderes meint ja „Vergebung der Sünden“), und der Täufling erhält Anteil am Leben des auferstandenen Christus. Gerade unter diesem letztgenannten Aspekt zeigt sich noch einmal, wie wichtig es ist, schon Kinder zu taufen: Der Tod, der der Sünde Sold ist (Römer 6, 23), bedroht eben nicht bloß Erwachsene, sondern auch schon Kinder. Darum brauchen auch Kinder das Bad der Wiedergeburt, in dem sie hineingeboren werden in ein neues Leben, das auch der leibliche Tod nicht zerstören kann. Gerade auch darum sollten Eltern mit der Taufe ihrer Kinder nach der Geburt nicht lange warten. Und eben darum praktiziert unsere lutherische Kirche auch die Nottaufe, die von jedem Christen vollzogen werden kann, wenn kein ordinierter Pastor anwesend ist und das Leben des Täuflings in Gefahr ist. Konfirmanden sollten von ihrem Konfirmandenunterricht her wissen, wie man eine Nottaufe vollzieht – und es bleibt zu hoffen, dass man in unserem neuen Gesangbuch die Ordnung der Nottaufe künftig einfacher finden kann als zurzeit, wo sie in der Mitte unseres jetzigen Gesangbuchs auf der Seite 306 etwas versteckt erscheint.

Aber Kinder können doch noch nicht glauben. Wie sollen sie sich dann für die Taufe entscheiden können?

Diese Frage, die immer wieder gestellt wird, setzt ein offenbar unausrottbares Missverständnis dessen voraus, was „Glauben“ heißt: „Glauben“ wird ohne weiteres Nachdenken mit einer „bewussten Entscheidung“ gleichgesetzt. In diesem Sinne wäre der Glaube eine menschliche Fähigkeit, die eine bestimmte Gruppe von Menschen in einem gewissen Abschnitt ihres Lebens besitzt: Er wäre beschränkt auf geistig voll funktionsfähige Menschen mit einem bestimmten Mindest-Intelligenzquotienten: Säuglinge und kleine Kinder, demente ältere Menschen und viele geistig und psychisch behinderte Menschen könnten in diesem Sinne nicht „glauben“, weil sie zu „bewussten Entscheidungen“ nicht in der Lage wären. Doch von „bewussten Entscheidungen“ redet das Neue Testament bezeichnenderweise nicht. Nicht wir Menschen „kommen zum Glauben“, sondern der Glaube kommt zu den Menschen (vergleiche Galater 3, 25). Der Glaube ist nicht eine Entscheidung des Menschen, sondern eine Entscheidung Gottes, die dem Menschen widerfährt. „Glauben“ bedeutet so viel wie „in Christus sein“, Christus anziehen: Der Glaube und die Christusgemeinschaft, die in der Taufe geschenkt wird, können darum in Galater 3, 26+27 geradezu in eins gesetzt werden. Je nach den individuellen Fähigkeiten des Menschen wird sich dieser Glaube dann auch äußern und erkennbar werden im Bekenntnis (vergleiche Römer 10, 10); er wird sich auswirken in der Liebe (vergleiche Galater 5, 6). Aber ein Mensch verliert seinen Glauben eben nicht dadurch, dass seine Gehirnzellen durch Alzheimer angegriffen werden. Und ebenso wenig haben wir einen Grund dazu, infrage zu stellen, dass auch kleine Kinder oder geistig behinderte Menschen in der Taufe von Christus umfangen werden und von daher „glauben“. Im „Glauben“ wirkt der Mensch nicht zu seinem Heil mit, sondern der Glaube ist tiefster Ausdruck dessen, dass wir ohne unser Zutun, allein aus Gnaden selig wer-den (vergleiche Römer 4, 16).

Die Paten bekennen bei der Säuglingstaufe stellvertretend für den Täufling. Können Menschen für einen anderen Menschen glauben?

Die Frage scheint man schnell beantworten zu können: Natürlich muss jeder Mensch sich selber einmal vor Gott für sein Leben verantworten; niemand kann dann jemand anders – etwa die fromme Großmutter – vorschicken. Dennoch gibt es im Neuen Testament so etwas wie einen „Für-Glauben“, der Menschen auf den Weg zu Christus führt. So sagt Paulus etwa zu dem bereits erwähnten Kerkermeister von Philippi: „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig“ (Apostelgeschichte 16,31). Der Glaube des Kerkermeisters ist seligmachender Glaube auch für sein Haus. Und in Markus 2, 1–12 wird uns geschildert, wie die Freunde des Gelähmten diesen zu Jesus bringen. Als er nun zu Jesu Füßen liegt, heißt es: „Als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben“ (Markus 2, 5). Sündenvergebung auf den Glauben der Freunde hin – das gibt es offenbar. Ob der Gelähmte selber geglaubt hat oder nicht, wird gar nicht erwähnt. Damit sind wir beim Dienst der Paten bei der Taufe von kleinen Kindern: Auch sie tragen mit solch einem „Für-Glauben“ das Kind zu Christus. Damit nehmen sie ihm nicht ab, dass es später selber einmal, Gott geb’s, bei Christus bleibt. Aber erst einmal ist ihr Glaube gefragt. Darum ist das Patenamt ein kirchliches Amt und kein familiäres Ehrenamt. Es kann nur von Menschen wahrgenommen werden, die selber an Jesus Christus glauben und dazu bereit sind, diesen Glauben auch zu bekennen. Da zum Glauben an Christus auch immer das Bekenntnis zu seiner Kirche dazugehört, ist es nötig, dass ein Pate immer auch Glied einer christlichen Kirche ist. Und es bleibt Aufgabe der Paten, für ihr Patenkind ein Leben lang zu beten. Es ist schön, dass dies in unserer neuen Taufagende bei der Verpflichtung der Paten besonders betont wird.

Ohne Wasser ist die Taufe keine Taufe. Muss man bei einer Taufe untergetaucht werden?

Damit eine Taufe eine gültige Taufe ist, muss Wasser gebraucht werden, und es müssen die Worte Christi gemäß seinem Taufbefehl gesprochen werden. Eine Taufe mit Rosenblättern ist ebenso wenig gültig wie eine Taufe mit Sekt, womöglich noch mit den Worten „Ich taufe dich auf den Namen Fritz.“ Über die Menge des in der Taufe verwendeten Wassers wird in der Heiligen Schrift nichts ausgesagt. Gewiss war das Untertauchen bei der Taufe zunächst eine weit verbreitete Praxis. Doch schon im Neuen Testament wird die Taufe auch als „Reinigungsbad“ (vergleiche Epheser 5, 26) bezeichnet. Reinigungsbäder in den Thermen wurden damals üblicherweise durch Übergießen vorgenommen. Schon in der ältesten uns bekannten Kirchenordnung, die aus einer Zeit stammt, in der die jüngsten Schriften des Neuen Testaments verfasst wurden, werden beide Möglichkeiten des Taufvollzugs genannt: Untertauchen und Begießen. Auf jeden Fall sollte aber im Taufvollzug darauf geachtet werden, dass eine „Anwendung“ des Wassers erkennbar bleibt und man sich nicht etwa bloß auf ein Kreuzeszeichen mit einem feuchten Finger beschränkt. Dennoch macht die Menge des Wassers die Taufe nicht zur Taufe, sondern allein die Anwendung des Wassers in Verbindung mit dem Wort Gottes.

Ist es eine Sünde, sich wiedertaufen zu lassen?

Wer bereits die Taufe empfangen hat und sich dann später noch einmal wiedertaufen lässt, begeht in der Tat eine schwere Sünde, mit der er sich aus der Kirche ausschließt. Denn wer sich wiedertaufen lässt, erklärt damit

das Geschenk Gottes, das er bereits in seiner Taufe empfangen hatte, für ungültig und stellt damit die Grundlage seiner Rettung infrage. Natürlich sieht derjenige, der sich wiedertaufen lässt, dies selber anders – zumeist mit den bereits besprochenen Argumenten, dass er sich bei seiner Taufe als Kind noch nicht habe entscheiden können oder dass er bei seiner Taufe nicht untergetaucht wurde. Doch die Gültigkeit der Zusage Gottes hängt ja nicht davon ab, ob wir sie erkennen. Natürlich passiert in Wirklichkeit bei einer Wiedertaufe gar nichts, denn man kann ja nur einmal getauft, nur einmal wiedergeboren werden. Auch macht eine Wiedertaufe, gottlob, die erste Taufe nicht ungültig. Dennoch ist die Wiedertaufe kein Kavaliersdelikt und erst recht keine harmlose Rückversicherung („Doppelt hält besser“). Gemeindeglieder sollten darum eindringlich davor gewarnt werden, sich in der Form der Wiedertaufe von ihrer empfangenen Taufe loszusagen.

Dr. Gottfried Martens

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