19.01.2011

Die Taufe in der Kunst

„Melanchthon tauft“ – so heißt ein Altarbild von Lukas Cranach in der Stadtkirche zu Wittenberg. Pastor i.R. Johannes Rüger führt mit einer Bildbetrachtung in die tiefere Bedeutung des Werks ein.

Unschätzbarer Einfluss

Unser Leben lang haben wir Eindrücke wahrzunehmen. Es ist gut, wenn wir lernfähig bleiben. Wer seine Augen zu Boden richtet, sieht den Himmel nicht. Wer Informationen auf ihre Qualität prüft, bleibt offen für neue Eindrücke. Wir haben ein Gemälde vor uns, das uns wegen seiner altertümlichen Art befremden kann. Zumindest werden sich einige Fragen stellen. Zunächst bemerken wir die Kahlheit des Raumes, seine Schmucklosigkeit, das riesige brunnenartige Wasserbehältnis, die eigenartige Kleidung der dargestellten Personen, das Kind in seiner Nacktheit von Wasser aus der hohlen Hand übergossen. Es ist keine Frage, hier handelt es sich um eine Taufhandlung. Fertiggestellt wurde dieses Gemälde ein Jahr nach Luthers Tod 1547! Lucas Cranach, 1472 -1553, ein hochbegabter Maler der Renaissance, hat dies im Rahmen eines dreiteiligen Altargemäldes mit einer Predella seines Sohnes angefertigt. Seine Handfertigkeit und künstlerische Gestaltungskraft, die er in Gemälden mit Landschaften meisterhaft zeigt, tritt hier um der Dokumentation reformatorischer Erkenntnisse willen zurück. Nur die wesentlichen Aussagen sollen das Bild prägen. Da erscheint die eine Reinigung andeutende Handlung mit Wasser, von Christus eingesetzt, und für Christen gestiftet, von großer Bedeutung für ein neubegonnenes Menschenleben. Was wir sehen, ist bekannt: ein Säugling wird getauft. Die Handlung ist schlicht, die Worte sind vorgegeben: Sie sind Gabe des Herrn oder teils aus biblischem, teils aus traditionell kirchlichem Bestand. Der Künstler hat alles auf das Wesentlichste reduziert. Das also gehört zur Taufe. Was wir sehen: der Täufling, der Täufer, das Wasser, das zu sprechende Wort, die Taufpaten und die umstehenden Gemeindeglieder. Die Bedeutung der Handlung geht weit über die Ersichtlichkeit hinaus. Was für Thomas Mann in der Emigration bei der Taufe eines Enkelkindes von ihm als „angenehme kirchliche Erfahrung“ bezeichnet wurde, eröffnet anderen durchaus eine höhere und wertvollere Dimension. Im Vertrauen auf den Zuspruch des Stifters der Taufe, Christus, erleben sie die Hineinnahme des Kindes in die ewige Gotteswelt. Sie wissen aus der Überlieferung biblischer Botschaft bei der Taufe, die der Herr selbst durch Johannes erfuhr, den Himmel offen und Gottes Bekenntnis zu seinem Sohn. Aus dieser Dimension gilt es, die Taufe zu erkennen. Wir aber haben keinen Schlüssel, der uns die ewige Gotteswelt öffnet. Hier greift Gott in ein Menschenleben ein. Er bekennt sich bei der Taufe zu seinem Geschöpf. Dabei eröffnet er ihm ein unschätzbares Vermögen, das sich kein Mensch erarbeiten kann. In für uns unvorstellbarer Vorzeit zerbrach die selbstverständliche Gemeinschaft des Menschen mit Gott. Das Paradies der Vollkommenheit ging durch Schuld des Menschen für immer verloren. Uns blieb die Ursehnsucht, die alle Menschen umtreibt. Gott aber gab sich selbst zur Erlösung in Jesus Christus. Die Schuld ist getilgt, der Weg steht offen. Im Zutrauen zu Gott kann er begangen werden. Dazu wird uns in der Taufe ein Startkapital gegeben: ein unschätzbares Vermögen. Der Täufling bekommt die Kraft des Zutrauens zu Gott, die er zeitlebens nutzen kann. Sie ist aber eine Liebesgabe des Schöpfergeistes. Diese Liebe wird ins Herz gegeben, will aber behalten bleiben in der Eigenart echter Liebe: der Treue. Von alledem spürt der Täufling nichts. Gott wird den Weg eines jeden Menschen in eigener Art begleiten und ihn auf vielfältige Weise zu sich heranführen. Bei aller Unvollkommenheit und Fehlerhaftigkeit vor Gott bleibt eins gewiss: die Treue Gottes zu seinen Zusagen. Darauf kann der Getaufte mit Sicherheit sein Leben einrichten. Der Himmel Gottes steht ihm offen. Er ist in die Gottesgemeinschaft aufgenommen. Die Taufe ist nicht nur die angenehme Erfahrung des Wunders eines neugeborenen Kindes und dessen Segnung. Vielmehr bleibt sie das Wunder durch ein ganzes Menschenleben bis zur Erlösung eines Todes, der zur Tür in die erfüllte Gottesgemeinschaft wird. Der Schlüssel dazu erweist sich im Vertrauen zu unserem Erlöser Jesus Christus.

Bewahrtes und bewährtes Leben

Betrachten wir das Altarbild in der Stadtkirche zu Wittenberg oder einen Abdruck des Gemäldeflügels von der Taufe, so finden wir verschiedenartige Menschen im Bild. Wir erkennen die Andersartigkeit vergangener Zeit. Wie haben diese Menschen gelebt, wie haben sie diese Taufhandlung erlebt? Es tun sich viele Fragen auf. Man würde sich wünschen, das Gemälde wäre eine Startposition ins Leben und es würde mit dem Zeitpunkt der Darstellung seinen Weg in die Lebendigkeit nehmen. Aus der Filmbranche kennen wir solche Unternehmungen. Wir sehen, wie Schauspieler die Szene eines Gemäldes nachstellen und im Spiel aufleben lassen. Sehen wir uns nun die Personen an. Zunächst fällt unser Blick auf zentrale Stelle am Taufbecken auf den Täufer. Unverkennbar handelt es sich um Philipp Melanchthon, den Mitreformator, Freund und Helfer Luthers. Zweifellos wird dem hochgelehrten, aber absolut bescheidenen Mann eine hohe Ehre zuteil. Bei allen theologischen Verdiensten und hohen Ämtern ist er jedoch nie ordiniert worden. Will hier Lucas Cranach auf das allgemeine Priestertum der Gläubigen hinweisen, das bei einer Nottaufe durch einen Gläubigen sein besonderes Recht ausübt? Wir wissen es nicht, sind aber dankbar für die besondere Würdigung des verdienstvollen Mannes. Im tiefen Ernst und doch menschlich nahe mit einem nachdenklichen Lächeln vollzieht er die Handlung. Hier sehen wir das schönste Porträt des Altarwerkes. Dieser kluge und scharfe Denker ist doch zugleich als friedliebender und zartbesaiteter Mann bekannt. Wird ihm das Geheimnis der Handlung am Säugling beschäftigen? Das Kind ist durch die Geburt hineingeworfen in die Unvollkommenheit der Welt. Sein Leben wird zugleich zu einem Weg der Endlichkeit und Sterblichkeit Was der Täufer tun darf, kann ohne den Auftrag Gottes und ohne die verheißene Taufgnade niemals wirksam werden. Der demütige Dienst des Täufers lässt dem Geschehen von Wort und Zeichen den Vorrang und die Gültigkeit. Nach dem Freiraum zur Linken hat sich Lucas Cranach dargestellt. Er hält in seinen Händen das wärmende Wickel für das reichlich mit Wasser besprengte Kind. Das ist sein Bekenntnis zu dem Weg des Christen von Anfang an. Neben Melanchthon zur Rechten steht ein assistierender Mann, vermutlich der Kurfürst, mit der geöffneten Schrift und dem Trockentuch für den Säugling. Das Zeugnis der Gottesliebe in der Taufhandlung und die tätige Liebe bei der Taufhandlung stehen hier zusammen. In der aufgeschlagenen Bibel steht zu lesen: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“ Markusevangelium 16,16 Wie in der gesamten Retabel, dem Altarwerk, zeigt sich auch hier die Auslotung der Bildmitte in der dem Betrachter mit dem Rücken zugewandten Seite einer Frau inmitten der anwesenden Gemeinde. Dass sich hierbei geradezu anekdotenhaft der Gedanke an einen Streich Cranachs gegen seine Frau entwickelte, wird bei der eigenartigen Zurschaustellung des kostbaren Pelzgewandes mit der ebenso wertvollen Haube verständlich. Sie soll fortlaufend bemängelt haben, dass ihr der Meister in seinen Gemälden keinen Ehrenplatz vergönnt. Den soll sie auf diese Weise haben. Diese Angelegenheit ist fraglich. Aber sie führt uns zu der höchst realistischen Einschätzung des Wesens einer Gemeinde sowie des einzelnen Christen. „Wir sind immer im Werden und zugleich im Sein“. Wir haben die hohen Gottesgaben, aber wir haben auch immer gegen uns und die schädlichen, zerstörerischen Einflüsse des Gottesfeindes, des Satan, zu kämpfen. Durch die Taufgnade stehen wir nicht allein, sondern wissen uns im Schutz Gottes und getragen von der Kraft des Erlösers. Ein Christenleben steht in dieser Spannung, aber es lebt in der Siegeskraft des Heilandes auf und kennt eine Geborgenheit in Gott, die über das Leben hinaus zu einer ewigen Erfüllung führt. Was bedeutet das im Alltag einer christlichen Gemeinde? Wir sind alle keine Engel und dürfen es doch einmal als Erlöste besser haben als sie. Wir sind auf die Gnade Gottes angewiesen, da wir fehlhaft und voller Mängel vor Gott sind und untereinander auf die Vergebung angewiesen sind, die wir von Gott erbitten. Der größte Realismus von der Sündhaftigkeit des Menschen und der größte Glaube an die Zusagen und Verheißungen Gottes gehen hier zusammen und führen zu einem bewegten Leben, in dem der dankbare Lobpreis zu Gott die echte Antwort auf seine Gnade darstellt. Es ist verständlich, dass die erste Christenheit in Anlehnung an das Gottesvolk des Alten Bundes sich als die aus der Welt herausgerufene Schar empfand, die sich ihrem Kyrios Jesus Christus zur Ehre Gottes des Vaters dankbar und willig unterstellt. An dieser Stelle des Altarwerkes macht der Meister mit dem brunnenartigen Taufbecken deutlich, woher die Gemeinde ihre Kräfte bezieht. Hier geht es um das erste Sakrament in einem jungen Menschenleben, um die völlige, willige und so glückverheißende Abhängigkeit von der unverdienten Gnade Gottes durch unser ganzes Christenleben.

Johannes Rüger

PDF zum Download: Bildbetrachtung Rüger WEB