7.05.2010

Anregungen für ein ökumenisches Gespräch

Rechtfertigung – Die ökumenische Dimension des lutherischen Verständnisses der Beichte. Von Propst Gert Kelter

„Katholiken haben es leichter – die können sich einfach von ihren Sünden loskaufen…“

„Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegfeuer springt“ – diesen, vielleicht auf den Ablasshändler Johann Tetzel zurückgehenden Spruch kennt man.

Leider ist die Auffassung bis heute unter lutherischen Christen verbreitet, damit sei die römisch-katholische Beicht- und Bußlehre und -praxis einprägsam und zutreffend beschrieben: Gott vergibt mir meinen Sünden als Gegenleistung für ein gutes Werk. Man mag noch einräumen, dass heutzutage vermutlich Geldzahlungen für die Lossprechung (Absolution) nicht mehr verlangt werden. Aber ist es wirklich vorbei mit Gebetsleistungen, Wallfahrten, gespendeten Messen und Kerzen?

Für das ökumenische Gespräch über die Beichte ist diese grobe Verzeichnung des Ablasses und vor allem die Verwechselung des Ablasses mit der Beichte ein Hindernis. Wie Unwissenheit über den Glauben der anderen immer ein ökumenisches Hindernis darstellt.

Der Ablass -und man muss einräumen, dass es ihn bis heute in der römischen Kirche gibt- ist der Nachlass für Kirchenstrafen und hat mit der Sündenvergebung, die der Beichte folgt, nichts zu tun.

Dahinter steckt die Überlegung, dass jede Sünde der Kirche, dem Leib Christi, der Gemeinschaft der Christen Schaden zufügt. Daher, so die römische Überzeugung, müsse die Kirche für eine Schadenswiedergutmachung sorgen, indem sie nicht nur die Sünden in der Beichte vergibt, sondern auch eine Strafe auferlegt.

Nun wissen römische Katholiken so gut wie Lutheraner, dass der Mensch in jeder Sekunde seines Lebens sündigt und Gottes Gebote niemals vollkommen einhalten und erfüllen kann.

Man muss also davon ausgehen, dass jeder Sünder, auch nachdem ihm die Sünden in der Beichte vergeben wurden, über das Maß der auferlegten Kirchenstrafen hinaus noch so viele Bußwerke zu tun habe, dass er diese in seinem irdischen Leben nicht mehr „abbüßen“ kann.

Und nun kommt der Ablass: Die römische Kirche behauptet: Christus und die Heiligen hätten so viele gute Werke geleistet, dass daraus ein Schatz angehäuft wurde, aus dem die Kirche nun die noch ausstehenden Kirchenstrafen der Gläubigen „erstatten“ könne. Anteile daraus kann man „erwerben“. In der Tat und nicht nur im Mittelalter, auch durch Geldzahlungen. Heutzutage, insbesondere wenn der Papst einen vollkommenen Ablass aus irgendeinem besonderen Anlass ausruft, durch eine Pilgerfahrt in die Kirchen Roms und die Ableistung bestimmter Gebete.

Was hat der Ablass mit der Beichte zu tun?

Aber, und auf dieses ABER kommt es an: Mit der Beichte hat das alles zunächst nichts zu tun.

Ein römisch-katholischer Christ beichtet dem Priester seine Sünden. Von ihm wird gefordert, dass er seine Sünden von Herzen bereut (Herzensreue=contritio cordis), dass er sie, und zwar gemäß den Bestimmungen des Trienter Konzils, vollständig aufzählt und, allerdings nachdem er die Absolution empfangen hat, bestimmte, vom Priester auferlegte Werke der Wiedergutmachung, Bußwerke erledigt. Die Gültigkeit und Gewissheit der Lossprechung ist dabei abhängig von der Erfüllung der Bußpflichten.

Was sagt Luther zur Beichte? Zwei Stücke gehören dazu, das Sündenbekenntnis, ohne dass dabei Vollzähligkeit erforderlich wäre, weil ohnehin kein Mensch weiß, wie oft er sündigt; und dass man die Absolution vom Pastor empfange „als von Gott selbst und ja nicht daran zweifle, die Sünden seien dadurch vergeben vor Gott im Himmel“.(Kleiner Katechismus. BSLK 517, 16)

Auch nachdem die unglückliche Verwechslung des Ablasses mit der Beichte geklärt ist, bleibt bei diesem Vergleich deutlich: Es gibt nach wie vor Unterschiede zwischen evangelisch-lutherischem und römischem Beichtverständnis.

Und die haben es leider durchaus „in sich“: Sie treffen ins Herz der lutherischen Reformation, die Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade, ohne des Gesetzes Werke. (Römer 3, 28)

Beichte ist Rechtfertigung pur!

In der Lossprechung, in dem Satz „Dir sind deine Sünden vergeben!“ wird die Rechtfertigung des getauften Sünders Wirklichkeit, der -wie Luther sagte- bei der Beichte wieder „in seine Taufe zurück kriecht.“

Und aus der Beichte kriecht ein freigesprochener, begnadigter Sünder „tauf-frisch“ wieder in seinen Alltag und nichts und niemand kann ihn noch verklagen! Die vergebene Sünde wird ihm nie mehr, und vor allem auch nicht beim Jüngsten Gericht „aufs Butterbrot geschmiert“. Das nennen wir Heilsgewissheit! Lutherische Christen dürfen sich ihres Heils, ihrer Erlösung gewiss sein. In römisch-katholischen Ohren klingt das fast wie Ketzerei: Hoffen auf meine Erlösung – das ja! Aber gewiss sein? Das wäre doch wohl vermessen!

Ökumenische Chancen

Die Beichte ist also durchaus bis heute ein ökumenisch noch längst nicht geklärtes Thema. Unter einem anderen Aspekt verbindet sie aber bekenntnisgebundene Lutheraner mit römischen Katholiken: De Apologie (Verteidigungsschrift) des Augsburgischen Bekenntnisses bezeugt in Artikel 13 (BSLK 292, 4), dass die Beichte bzw. die Absolution neben Taufe und Abendmahl ein Sakrament im strikten Sinne sei. Das verbindet uns mit den römischen Katholiken! Aber auch für diese Bezeichnung der Absolution als Sakrament gibt es nur einen Grund, der ganz eng mit dem Thema „Rechtfertigung“ und „Heilsgewissheit“ zusammenhängt:

Wie bei der Taufe und beim Heiligen Abendmahl Jesus Christus selbst und nicht irgendein Mensch Geber und Gabe der Vergebung, der Rechtfertigung, der Gnade ist, so eben auch in der Beichte: Meine Gewissheit hängt also nicht an der Person dessen, der mich losspricht! Ob er mir sympathisch ist, ob er selbst ein vorbildliches christliches Leben führt- das alles spielt dann keine Rolle und kann meine Gewissheit, dass mir meine Sünden vor Gott und durch Christus vergeben sind, nicht beeinträchtigen. Der auferstandene Herr Christus steht vor mir, legt mir die Hand auf und spricht mich frei, los und ledig!

Gäste in unseren Gottesdiensten erleben bei uns oft zum ersten Mal eine Beichte, der die Lossprechung unter Handauflegung folgt. Gar nicht selten hinterlässt das bei ihnen einen tiefen Eindruck und – sie kommen wieder.

Und wenn sie wiederkommen und nicht zur evangelisch-lutherischen Kirche gehören: Zur Beichte sind sie -sofern sie getauft sind, also „in die Taufe zurück kriechen“ können, herzlich eingeladen! Während das Heilige Abendmahl die Glaubens- und Bekenntnisgemeinschaft im engeren Sinn voraussetzt, sind Taufe und Beichte „ökumenische Sakramente“. Wer gültig getauft ist und auf die Beichtfragen ein ehrliches Ja sprechen kann, wird durch den Mund des Pastors die Stimme Christi hören dürfen: Dir sind deine Sünden vergeben!

Gert Kelter 09.09

Artikel zum Download: Rechtfertigung und Ökumene