7.05.2010

Sünde, Schuld, Buße, Rechtfertigung und Erlösung

Sünde, Schuld, Buße, Rechtfertigung und Erlösung in philosophischen, essayistischen und literarischen Äußerungen
Einblicke in ausgewählte Texte und Gedanken.
Von Pfarrer Ernst Wolf

Dieser Text ist auch als Download verfügbar: Arbeitshilfe 2009 – Ernst Wolf

„Die Geschichte, selbst die beste, hat immer etwas Leichenhaftes, den Geruch von Totengruft. Ja, man kann sagen, sie wird immer verdrießlicher zu lesen, je länger die Welt steht.“

Zu dieser ernüchternden Weltsicht Goethes schrieb der Pfarrer und Hochschullehrer Paul Schütz im Jahr 1968: „Der Satz stammt von dem Weltkind Goethe, nicht von einem pessimistischen Eschathologen. Die Geschichte ist ausweglos, wie diesseits des Christentums … in der attischen Tragödie, bei Shakespeare, im Buddhismus, in der „schwarzen Literatur“ unserer Zeit … Auch die Rationalität führt uns nicht aus der Auswegslosigkeit, im Gegenteil, sie führt uns immer noch tiefer hinein. Sie erliegt dem Zauber der Wunschbilder, die unsere Selbsterhaltungsinstinkte in uns erzeugen. Sie erzeugen ein falsches Bewusstsein, weil das Ausgelassene*, das der Ratio widerspricht, in ihm nicht vorkommen darf. Dahinter bildet sich das finstere Vakuum, aus dem die Katastrophen der Bestialität immer wieder von neuem hervorbrechen.“
*Der Autor meint die alles Denken übersteigende Wirklichkeit Gottes, sein ewiges Erbarmen, seine Liebe und seinen Anspruch an den Menschen.

Paul Schütz in: Warum ich noch ein Christ bin, Furche-Verlag, 1969

Der englische Dichter W. Hugh Auden (+ 1973), Autor eines vielseitigen avantgardistischen dramatischen und lyrischen Werks, das u. a. von dem Psychologen Sigmund Freud (+ 1939), dem Schriftsteller Rainer M. Rilke (+ 1926) und dem irischen Dichter William B. Yeats (+ 1939) geprägt ist, bekannte: „Wir sind nicht unglücklich, wir sind böse.“ Er hatte den Mut von einer „gefallenen“ Welt zu reden. „Böse“ ist für den Philosophen Immanuel Kant ein Mensch „nicht darum, weil er Handlungen ausübt, welche böse sind, sondern weil diese so beschaffen sind, dass sie auf böse Maximen an ihm schließen lassen“. I. Kant in: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, Reclam, 1879

Und der mit der Weltgeschichte vertraute Schriftsteller Reinhold Schneider (+ 1958) schrieb:

„Es ist ein Geheimnis, dass im Menschen ein Zug zum Verderben steckt und dieser Zug mächtiger werden kann, als jedes Verlangen nach Glück.“
R. Schneider in : Macht und Gnade, Suhrkamp Taschenbuch, 1977

Jeder Mensch wirft nicht nur einen optischen, sondern auch einen seelischen Schatten. Manchmal spüren ihn zuerst die anderen und sprechen dann davon, jemand habe eine negative Ausstrahlung oder: Er sei ansteckend unsympatisch. Dieser Schatten deutet hin auf den als peinlich und wenig vorteilhaft empfundenen Teil unserer Persönlichkeit, auf den wir zwar manchmal stoßen, den wir aber doch möglichst zu vergessen suchen, an den wir nicht erinnert werden wollen und den wir deshalb sorgsam verstecken, ummänteln, verleugnen, weil er unser Selbstbild stört und unsere Selbstdarstellung vor anderen zweifelhaft erscheinen lässt. Der „Schatten“ ist für den Psychologen und Philosophen Carl Gustav Jung (+1961) der Inbegriff alles dessen, was uns an der eigenen Wirklichkeit nicht passt und was wir deshalb gerne aus dem Bewusstsein verdrängen. Diese ausgeblendete Seite gehört zwar zu uns, da sie aber Schwächen erkennen lässt, das Beunruhigende und Gefährliche, die geheimen und nie ganz zugegebenen Wünsche, ist es uns ganz recht, wenn diese dunkle Hinterseite – vielleicht auch durch moralische Schönfärberei – abgeschottet bleibt.

Bertolt Brecht (+ 1956) schrieb: „Es gibt wenig Beschäftigungen, welche die Moral eines Menschen so beschädigen, wie die Beschäftigung mit der Moral. Ich höre sagen: Man muss wahrheitsliebend sein, man muss sein Versprechen halten, man muss für das Gute kämpfen. Aber die Bäume sagen nicht: Man muss grün sein, man muss die Früchte senkrecht zu Boden fallen lassen, man muss mit den Blättern rauschen, wenn der Wind hindurch geht.“
B. Brecht in: Werkausgabe, Edition Suhrkamp, Bd 12

Moralische Menschen treten mit Forderungen auf, verlangen etwas, dem man nachkommen soll: Man muss …. Aber die Blätter, sagt Brecht, sind grün. Und die Früchte, sie fallen senkrecht zu Boden. Selbstverständliches, meint Brecht, braucht man nicht zu fordern, und wenn etwas gefordert wird, dann ist es nicht selbstverständlich. Wahrheitsliebe, das Halten von Versprechen, der Kampf für das Gute sind nicht einfach so da wie die heruntergefallenen Äpfel und Birnen („Wer von euch ohne Schuld ist ….“).
Der Theologe und Schriftsteller Rudolf Schulz schrieb: „In jugendlichem Idealismus hatte man sich viel, offensichtlich zu viel vorgenommen. Wir wollten gut sein. Den gereiften Menschen glaubten wir die Erfahrung nicht, man müsse mit seiner Unzulänglichkeit leben. Schließlich gab es große Vorbilder: Jesus, Schweitzer, Gandhi. Man musste, so dachten wir, nur konsequent wollen und würde dann schon seine ethische Qualifikation nachweisen können. Diese hehre Auffassung vom Menschen – insbesondere von uns selbst – hielt nicht lange vor. Sie zerbröckelte unter den unscheinbaren Erfahrungen des Versagens im Kleinen.
Die Grenzfälle zwischen Wahrheit und Lüge gaben uns zu denken. Immer häufiger sahen wir uns selbst Kompromisse eingehen zwischen der hohen Forderung, die wir uns gestellt hatten, und der harten Wirklichkeit“.
R. Schulz in: Worte für mich, Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, 1978

„Jeder kennt die eigene Ohnmacht. Wie oft wollen wir gar nicht das Schlechte tun, nicht aggressiv oder zornig werden, nicht lieblos sein. Und vielleicht wollen wir auch Gebote halten und Verbote ernst nehmen, um nicht schuldig zu werden. Aber dieser Vorsatz vergeht im allgemeinen schnell. Der Grund besteht darin, dass wir unsere Grenzen nicht kennen oder annehmen und uns nicht auf das beschränken, was wir sind und wofür wir Verantwortung tragen.“
Ursula von Mangold in: „Lichtstrahlen des Glaubens, Auf dem Weg zu Christus“, Herderbücherei, Bd. 1083, Freiburg 1984

„Es gilt stets, das Wagnis des Handels einzugehen, wissend, wie recht der Apostel Paulus hat, dass der Mensch in einem „inneren Gesetz“ weiß, was gut ist, aber nicht das tut, was er eigentlich will. Zwischen Wollen und Vollbringen bleibt eine Schere. Der Klosterbruder im „Nathan“ von G. Ephraim Lessing (+ 1781) hat es treffend auf den Punkt gebracht:

„Wenn an das Gute,
Das ich zu tun vermeine, gar zu nah,
Was gar zu Schlimmes grenzt, so tu ich lieber
Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar
So ziemlich zuverlässig kennen, aber
Bei weitem nicht das Gute.“
(4. Aufzug, 7. Auftritt)

Friedrich Schorlemmer in: Ich habe keinen Gott. Aber Gott hat mich, Aufbau Taschenbuch-Verlag, Berlin 2007

Aufschlussreich führt uns ein altes Kinderlied in diese Zone des Zwiespaltes im Innersten des Menschen. In „Des Knaben Wunderhorn“, der Sammlung alter deutscher Lieder, die Achim von Arnim (+ 1831) und Clemens Brentano (+ 1842) herausgebracht haben, findet sich das Lied von dem buckligen Männlein.

Will ich in mein Gärtlein gehen,
Will mein Zwiebeln gießen,
Steht ein bucklicht Männlein da,
Fängt als an zu niesen.
Will ich in mein Küchel gehn,
Will mein Süpplein kochen,
Steht ein bucklicht Männlein da,
Hat mein Töpflein brochen.

So harmlos sich dieses Kinderlied auszunehmen scheint, es hat es in sich. Das drollige bucklige Männlein scheint zunächst nur Streiche zu spielen. Überall taucht es auf, im Garten und in der Küche, auf dem Speicher und im Keller. Man kann ihm nicht entkommen. Es ist immer schon vor uns da, guckt uns über die Schulter, stellt sich dazwischen: Als Unruhestifter, als Spielverderber, als heimlicher Mitesser. In den eigenen vier Wänden fühlen wir uns nicht mehr so recht wohl, weil es da jemanden gibt, der uns auslacht und bloßstellt.

Geh ich in mein Kämmerlein,
Will mein Bettlein machen,
Steht ein bucklicht Männlein da,
Fängt als an zu lachen.

Aber warum kann ich diesem seltsamen Wicht nicht das Handwerk legen? Er scheint mein Doppelgänger zu sein, mein unterdrücktes Ich, dieses seltsame Schattenwesen, das ich gerne endlich los würde, dem ich aber – als meiner dunklen Gegenseite – unausweichlich verbunden bin. „Wir zögen es vor, immer nur Ich und sonst nichts zu sein“, heißt es bei C. G. Jung. „Wir sind aber mit dem inneren Freund oder Feind konfrontiert, und dabei hängt es von uns ab, ob er uns Freund oder Feind ist“.
C. G. Jung in: Jolande Jacobi, Die Psychologie von C. G. Jung, Fischer 1987

Ist es vielleicht so, dass mir gerade dann, wenn ich mich schön ins Licht stelle, dieses Schattenwesen in die Quere kommt und mir eine lange Nase macht? Aber wie soll ich denn mit dem buckligen Männlein umgehen, wenn ich ihm nicht entkommen kann? Auch davon weiß unser Lied eine erstaunliche Strophe zu singen: Wenn ich an mein Bänklein knie, Will ein bisschen beten, Steht ein bucklicht Männlein da, Fängt als an zu reden: „Liebes Kindlein, ach, ich bitt, Bet fürs bucklicht Männlein mit!“

Also will dieser kleine Anarchist selber erlöst sein und ist abhängig von mir. Ich soll ihn nicht mehr davonjagen, ihn nicht verklagen und als den bösen Wicht verwünschen. Nur wenn ich ihn in mein Gebet hineinnehme, ihn in meinem eigenen Innern zulasse und ihn als meinen verborgenen Teil erkenne, kann er erlöst werden. Er verliert seine aggressive Nei- gung. Nun muß er nicht mehr zerstören und nicht mehr durch sein aufmüpfiges Wesen auf sich aufmerksam machen. In einer autobiographischen Skizze geht der Literaturkritiker und Schriftsteller Walter Benjamin (Suizid 1940) auf „das bucklige Männlein“ ein, glaubt er doch, „jene Sippe“ zu kennen, weil er oft genug von seiner Mutter selbst in sie eingereiht worden ist. („Ungeschickt lässt grüßen, sagte sie immer, wenn ich etwas zerbrochen hatte oder hingefallen war“). Wirklich: Dieses Männlein ist nicht in der Ferne angesiedelt, es ist uns sehr nah, so nah aller- dings, das wir es nicht zu Gesicht bekommen. „Ich hab es nie gesehn. Es sah nur immer mich. Und desto schärfer, je weniger ich von mir selber sah.“
W. Benjamin in: Schriften I, Fischer 1986

Das ist es. Wer sich selbst nicht in seiner ganzen Zweideutigkeit zu Gesicht bekommt, dem geht sein dunkler Bruder nur als störender Rebell entgegen. Beschönigungen und Ausreden können darüber nicht lange hinwegtäuschen. Mit ihnen kann man sich vor Gott ohnehin nicht reinwaschen. Bei der Selbstwahrnehmung im Angesichte Gottes gilt es, zunächst den eigenen Schatten mit seinen verhängnisvollen Auswirkungen zu erkennen: Die störenden und zer- störenden Neigungen, die andere in Mitleidenschaft ziehen. „Schuld“ und „Sünde“ dürfen nicht als tabu gelten. Die Weigerung, Schuld zu erkennen und zu bekennen, führt zu einer gefährlichen Verklärung der Wirklichkeit. Der früher erfolgreiche Pariser Strafverteidiger in Albert Camus (+ 1960) Roman: Der Fall lässt sich von dieser nicht länger bestimmen. Früher bewegte er sich ständig, wie er bekennt, „an der Oberfläche des Lebens, gewissermaßen in tönenden Worten, nie in der Wirklichkeit „… „ Mein Tun und Lassen war von Langeweile oder Zerstreutheit bestimmt“. Aber dieses selbstgefällige Leben wird gestört, als er eines Nachts, beim Überqueren der Seine-Brücke, die Hilferufe einer Ertrinkenden hört, aber nichts unternimmt. Das Bewusstsein, schuldig geworden zu sein, treibt ihn schließlich dazu, seine glänzende Laufbahn aufzugeben und als Büßer, als „Buß-Richter“ – so nennt er sich selbst – Arme und Asoziale im Amsterdamer Hafenviertel zu beraten.

Heutiges Denken befindet sich da eher in einem merkwürdigen Zwiespalt. „Einerseits wird in stetig neuen, besonders von jungen Menschen vorgebrachten Appellen die Verantwortlichkeit menschlichen Handels beschworen, andererseits schwindet das Bewusstsein dafür, dass der Mensch für sein Handeln verantwortlich ist, in dem er sich vor allem bei Fehlverhalten ent- schuldigt. Dass der Mensch schuldig werden könnte, gerät aus dem Blickfeld, da es so viele Faktoren gibt, die sein Handeln begreiflich machen.“
Hans Winfried Jüngling in: Ich bin Gott – keiner sonst, Echter-Verlag, Würzburg 1981

Verfehlungen werden mit unserer Erbmasse, unserer Umwelt, unserer Erziehung, unseren neurotischen Anlagen ent-schuldigt. Die Lüge in Worten kann zur Verlogenheit und diese zur Lebenslüge führen. „Vernagelt“, mit einem Brett vor Augen, sieht der Mensch nur noch einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit. Meistens muß er sein Nichts erleben. Sündigen heißt: Dinge tun, die in sich „nichtig“ sind und in ihren Konsequenzen im wahren Sinn des Wortes „zu nichts“ führen. Wir können tief erschrecken über das Ausmaß unserer Neigung zum „Nichts“ und die Folgen unseres Tuns. In der Sozialwissenschaft spricht man von der Ent- fremdung oder einer sich ausbreitenden Gleichgültigkeit demgegenüber, was uns einmal viel oder gar alles bedeutete. „Es ist eine Zeit, die kaum jemanden noch zur Besinnung kommen lässt. Besinnung wäre aber die Voraussetzung, um Charakter, Reife oder gar Weisheit zu entwickeln. Doch für Besinnung lässt die Globalisierung keine Zeit. Sie ignoriert, dass die menschliche Art auch deshalb etwas länger überlebt hat, weil sie zwischendurch mal Luft geholt hat und sich immer wieder mal erinnerte an das, was eben noch war. Und überlegte, weshalb sie noch da war.“ Sascha Lehnartz (geb. 1969), prom. an der Columbia University, Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in: Global Players, Fischer-Verlag 2005 Der o. g. Autor zitiert die offenen Worte eines jungen Mannes: „Wenn ich ehrlich bin (was mir selten gelingt), dann bin ich – nicht nur in politischer Hinsicht wankelmütig, moralisch morsch und durch eine schöne Aufmachung leicht beeinflussbar. Ich habe alles, was ich brauche. Nur keinen Charakter. Und keinen Plan. Manchmal dauert es nur ein paar Minuten – und schon glaube ich das Gegenteil von dem, wovon ich eben noch überzeugt war. Manchmal beginne ich schon das Gegenteil von dem zu glauben, was ich sage, während ich noch rede. – Es wird dadurch nicht leichter, dass ich fast nur Leute näher kenne, denen es genauso geht. Es tröstet mich nicht, wenn man mir sagt: ‚Du kennst die falschen Leute.’ – Denn jene, welche so tun, als hätten sie einen Plan, möchte ich eigentlich erst recht nicht kennen lernen.“ – „Die meisten“, – so kommentiert der Autor – , „taumeln durch unsere Epoche. Sie glauben nichts mehr, und weil sie nichts mehr glauben, glauben sie jeden Mist. Weil sie keine Haltung haben, gehen sie mit jeder Mode und drehen sich doch nur im Kreis. Sie haben eine vage Ahnung, dass es so nicht weitergehen kann.“ Lehnnartz zeigt, wie der Versuch, sich das Leben eigenmächtig machen zu wollen, zur völligen Selbstentfremdung führt. Genau das ist es, was (vor allem von Paulus) mit „Sünde“ und „Tod“ bezeichnet wird. Der Mensch, der in sich selbst verkrümmt und verschlossen gegenüber Gott, glaubt, seine Identität finden und sich selbst genügen zu können, verkennt die eigene Realität, betreibt Raubbau am Leben und erntet „Nichts“. Es ist die Art Gottes, dass er aus „Nichts“ etwas macht. „Solange du nicht Nichts bist, kann Gott aus dir nichts machen“, sagt Luther. Am Anfang eines jeden Reifungsprozesses steht in der Regel die unbedingte Ehrlichkeit vor sich selbst, vor anderen und vor Gott. Ziel ist die Umkehr, die immer nur in der Begegnung mit dem Wort Gottes geschehen kann. So gibt es keine liturgische Form kirchlicher Buße ohne die Heilige Schrift, weil Gott durch sein Wort zur Umkehr und Versöhnung hinleitet. Wenn ich mir von Gott nicht den Mut schenken lasse, mir selbst mit meinen Licht- und Schattenseiten zu begegnen, wie kann ich dann Gott und meinem Nächsten begegnen wollen? Die Liebe zu mir, die Liebe zum Du, und die Liebe zu Gott gehen einher mit der Liebe zur Wahrheit. – Die ehrlich eingestandene Schuld kann der Anfang des Heiles werden, solange der Mensch erschütterungsfähig bleibt, wie David nach dem Ehebruch. „Der Mensch kann nicht reifen, so lange er sich selbst nicht annimmt. Er kann sich annehmen, weil Gott ihn zuerst angenommen hat.“
Anton Kner in: Das Wort in den Tag (Hartdruck Volkach, 1985)

„Nichts lässt sich hier voneinander trennen. Wenn ich mich selbst nämlich nicht liebe, aber dem höchsten christlichen Gebot nachkommen soll, den Nächsten zu lieben wie mich selbst, werde ich meinen Nächsten niemals wirklich lieben können, sondern ihn höchstens für meine eigenen Zwecke gebrauchen oder missbrauchen. Fehlen dem Menschen Vertrauen oder Demut, sich in seinem Mangel an Liebe und in seiner Schuld unverhüllt Gott auszuliefern und auf seine Vergebung zu hoffen, wird er niemals die Freude und Erleichterung empfinden, die Vergebung bewirkt. Auch wird er kaum das Ver- trauen haben, sich einem anderen ungeschützt zu öffnen und ihm sein Schuldigsein zu be- kennen. Er fürchtet, sein Gesicht zu verlieren, sich zu erniedrigen oder zurückgewiesen zu werden. Wer Vergebung empfangen hat, wird auch anderen vergeben. Beides gehört zusammen, wie es auch in der 5. Bitte des Vaterunsers heißt. Ohne Liebe hätte Vergebung keine Kraft der Verwandlung.“
Ursula von Mangold in: Lichtspuren des Glaubens … (Herder, Bd. 1083, Freiburg1984)

Dass die Menschen Schuld untereinander auf sich laden und man Schuld nicht nur verkürzen kann auf das, was einer willig, trotz besserer Einsicht getan hat, bringt Marie Luise Kaschnitz (+ 1974) des öfteren zur Sprache. Sehr hart hat sie es in dem politischen Gedicht „Zoon Politikon“ ausgedrückt: Vom Übel sein Wir sind’s. Wir sind vom Übel.
M. L. Kaschnitz in: Ein Wort weiter, Gedichte, Claasen Verlag, Hamburg, 1965

Später hat sie tief bewegt die Zeile des Vaterunsers wieder aufgenommen und für tragend er- kannt, dass das Verzeihen nicht von den Menschen kommt, sondern dass Gott verzeiht, dass das etwas ist, das an den Menschen geschieht, das ihnen geschenkt wird. Im „Fischbecker Wandteppich“ von Manfred Hausmann werden das Übel – sein und Übel – tun des Menschen und Gottes Erbarmen zusammen gebracht: Das weltliche Gericht hat die Gräfin Helmburgis von dem Verdacht, ihren Mann vergiftet zu haben, freigesprochen. Die Gräfin trägt schwer daran, dass sie dennoch vor Gott schuldig ist, wenn auch in viel verborgenerer Weise als ihre Magd Detta, mit der Graf Rickbert die Ehe gebrochen hatte. Ihr geht auf, dass sie im gleichen „Wagen der Schuld“ sitzt und daher nicht aus eigenem Vermögen und mit eigenen Mitteln vor Gott bestehen kann.

Helmburgis: Du hast mich gesehen, Herr, in den Tagen meines Hochmuts. Sieh mich auch jetzt in der Stunde meiner Verzweiflung! Es verlangt mich unsagbar nach deinem Angesicht. Aber ich wage nicht mehr, meine Augen zu dir zu erheben, weil ich so tief gesündigt habe, weil ich so weit von dir fortgegangen bin.

Deta (ohne recht bei der Sache zu sein): Ich auch, Herr. Helmburgis: Ich weiß nicht mehr aus noch ein. Ich bin von lauter Finsternis umringt. Herr, hilf mir in dieser Finsternis!

Detta: Mir auch, Herr.

Helmburgis: Lass nicht zu, dass die Finsternis über mir zusammenschlägt! Ich finde mich nicht mehr zurecht. Gib mir ein Zeichen, dass ich verstehe, was du von mir willst! Erbarme dich über mich! Erbarme dich! (Sie setzt den Kopf auf die Erde.)

Aus: M. Hausmann, Der Fischbecker Wandteppich, Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 1955

Gott erbarmt sich der Gräfin. Durch seinen Freispruch befreit er sie zu einem tätigen Leben. – Gottes Handeln an und für uns in Christus bringt uns in Gang und gibt uns den „Mut zum Sein“ (Paul Tillich), die Kraft zur Verwirklichung der neuen Existenz. Dazu „braucht“ Helmburgis „nicht in ein Kloster zu gehen“ – man kann auch mitten „im Getümmel einer Großstadt“ in der Gewissheit des Angenommen- und Bejahtseins durch Gott und damit als ein von Gott gerechtfertigter und zum Dienen befreiter Mensch leben.

Christ ist man nicht nur zu seinem eigenen Heil und Vorteil, sondern immer auch für „die anderen“, die Schwestern und Brüder, für die Christus wie für mich sein Blut vergossen hat. Wir werden von unserem Erlöser gewürdigt, mit ihm die Last der Menschen vor Gott zu tragen: „Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal. 6, 2)

Die im Konzentrationslager Auschwitz ums Leben gekommene Karmeliterin Edith Stein hat einmal gesagt: „Es gibt Menschen, die uns auf die Seele gelegt werden.“ So schmerzlich die Erfahrung ist, schuldig geworden zu sein, so sehr ist sie auch eine Chance. Das schmerzvolle Erkennen der Schuld, das Zugeben unserer Versäumnisse und Fehler, das Erleben der Versöhnung – gleich ob für die Kirche als Gemeinschaft oder für den Einzelnen – sind so wichtig, dass ohne diese Erfahrung Heilung und Erneuerung von innen heraus nicht möglich ist. Die Bedeutung der Lossprechung und Entlastung in der Beichte und die Angebote in der kirchl. Bußpraxis können deshalb nicht deutlich genug unterstrichen werden. Denn hier tritt Gott selbst ein und hilft. Nicht eine frömmelnde, künstliche Selbstverkleinerung, sondern von Gott gewirkte Reue und Buße tritt hier hervor. Eine große Verheißung liegt in dem Wort Christi von den „unnützen Knechten“ (Luk. 17, 10). Denn diese Erniedrigung kann nicht das Werk der Menschen sein, sonst würde er ja doch durch sein eigenes Werk einen Anspruch an Gott bekommen. „Nicht aus eigener Kraft können wir un- ser Tun so voll und ganz entwerten, wie es vor Gottes Angesicht geschehen muss. Dazu kann nur Gottes Gnade selbst uns helfen. Diese heilige Selbsterkenntnis ist vom Geist gewirkt. Wäre sie vom Menschen, so würde sie zur Verzweiflung führen. Nun sie aber von Gott ist, führt sie zum Gebet um einen gnädigen Gott.“
D. Bonhoeffer aus: Predigten – Auslegungen – Meditationen, Hg. von Otto Dudzus, Chr. Kaiser Verlag, München, 1984

Dietrich Bonhoeffers Worte klingen ganz anders als die der menschliche Überhebung gegenüber der Gottheit in Goethes Sturm- und Drang – Hymne Prometheus : ………. Wer rettete vom Tode mich, Von Sklaverei? Hast du nicht alles selbst vollendet, Heilig glühend Herz? Und glühtest jung und gut, Betrogen, Rettungsdank Dem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
…………..

Goethe in: Gedichte/Ausgabe letzter Hand 1827, Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke

Das gilt es vor allem zu bedenken und sich bewusst zu machen: Wir verdanken uns nicht der eigenen Leistung, der eigenen Frömmigkeit, dem eigenen Gutestun, – auch nicht der „allmächtigen Zeit“ und dem „ewigen Schicksal“ sondern IHM, – „der nicht schläft noch schlummert“ (Psalm 121, 4) – , der für uns „gestorben und auferstanden“ ist (vgl. 2. Kor. 5, 15) und dessen „Kraft in den Schwachen mächtig ist“ (2. Kor. 19, 9).

Damit berühren wir – mit Graham Greenes (+ 1991) Romantitel gesprochen: „Das Herz aller Dinge“. (Paul Zsolnay Verlag, Hamburg, 1950) Was ist „Das Herz aller Dinge“? Es ist für Graham Greene nicht der Mensch mit seiner Schuld vor Gott und den Mitmenschen, auch nicht der Mensch, der – wie Major Scobie – zwischen der Forderung Gottes und der Verantwortung für andere hin- und hergerissen wird und schließlich daran zerbricht. Das Herz aller Dinge ist die Barmherzigkeit Gottes. Es ist das offene Herz Gottes für den Schächer am Kreuz, für den Gottlosen, für den seinem Schöpfer Davongelaufenen.

Mit Jean Paul Sartre (+ 1980) ist sich Greene einig, dass wir in der „Hölle“ leben, weil wir einander die Hölle bereiten. Sartre sieht keine Lösung, geschweige denn eine Erlösung, – sieht keine Tür zum Entkommen aus diesem Teufelskreis. „Also – weitermachen“, so endet das Drama „Huis clos“ bei Sartre, weitermachen mit dem alten von Hass getriebenen Kampf gegenein- ander. Graham Greene weiß um den Ausweg. Das ist der Weg Gottes zu uns, den Gott mit dem Sterben Jesu am Kreuz gegangen ist. Am Kreuz Jesu wird „das Herz aller Dinge“ erkennbar. Am Kreuz öffnet Gott sein Herz – für uns. – Hier kommen wir auch der Selbstverständlichkeit näher, mit der „die Blätter und Früchte grünen und zu Boden fallen“. Diese Selbstverständlichkeit bleibt nicht unabänderlich den Pflanzen vorbehalten. „Blätter und Früchte“ grünen und wachsen auch selbstverständlich (ohne moralische Aufrüstung!) in der glaubensvollen Begegnung mit IHM und durch die Heiligung Christi in unseren Herzen (vgl. Ps. 1, 3 und Matth. 7, 17).

(Ernst Wolf, Pfarrer, Limburg, 2009-10-01)